Santa Maria in Cappella

Mosaikkreuz von Francesco Borromini, Detail mit Biene aus dem Wappen der Barberini

Besuchen wir heute eine kleine Kirche in Trastevere, die kaum ein Tourist auf seiner Liste hat. Wenn wir die Via dei Genovesi in Richtung Tiber entlanggehen, sehen wir an ihrem Ende eine kleine Kirche mit einem romanischen Glockenturm. Es ist die fast tausend Jahre alte Kirche Santa Maria in Cappella.

Santa Maria in Cappella, Fassade

Sie gehört heute zum Komplex des Altersheims Santa Francesca Romana und kann als Teil des Museums zur Geschichte der Krankenfürsorge besichtigt werden. Ihr müsst nicht durch die ganze Ausstellung gehen. Aber lasst uns einen Blick in die unscheinbare Kirche werfen, die überraschende Zeugnisse ihrer langen Geschichte bewahrt.

Santa Maria in Cappella, Weihinschrift von 1090

Die Weihe im 11. Jahrhundert

Auch wenn wir die Kirche heute gewöhnlich durch den Seitengang betreten, wollen wir unsere Besichtigung am Haupteingang in der Westfassade beginnen. Denn hier sehen wir auf der rechten Seite eine Steintafel mit der wichtigsten Inschrift der Kirche. Sie berichtet, dass die Kirche am 25. März 1090 durch die Bischöfe Ubaldo von Sabina und Johannes von Tusculum geweiht wurde. Die Zeremonie fand während des Pontifikats von Papst Urban II. (1088–1099) statt. Neben dem Weihedatum nennt die lateinische Inschrift zahlreiche Reliquien, darunter Teile vom Gewand Marias, Reliquien des Apostels Petrus sowie mehrerer Päpste und Märtyrer.

Blockaltar mit dem Relief des Lamm Gottes aus dem 11. Jhd.

Eine überraschende Entdeckung gab es im Jahr 2017. Bei Restaurierungsarbeiten fand man im mittelalterlichen Altar zwei kleine Keramikgefäße mit Knochenfragmenten, die offenbar als Reliquien aufbewahrt worden waren. Einige davon wurden dem Apostel Petrus und frühen Päpsten zugeschrieben. Der Fund könnte somit in direktem Zusammenhang mit den Reliquien stehen, die bereits in der Weihinschrift von 1090 erwähnt werden. Ob die Knochen tatsächlich von den genannten Heiligen stammen, lässt sich allerdings nicht nachweisen.

Santa Maria in Cappella, Innenraum

Wie die Kirche zu ihrem Namen kam

Eine interessante Frage, die mit dieser Inschriftentafel zusammenhängt, ist, wie die Kirche zu ihrem heutigen Namen kam. „Maria in der Kapelle“ ergibt eigentlich keinen Sinn, denn das Gotteshaus war von Anfang an immer eine eigenständige Kirche. Ursprünglich trug die Kirche den Namen Santa Maria ad Pinea, also bei der Pinie. Man kann sich leicht einen auffälligen Baum in der Nähe vorstellen.

Auszug aus der Weiheinschrift:
MARIE QVE APPELL(atur) AD PINEAM

Und so steht es auch in der Inschrift in der zweiten Zeile: SCE MARIE QVE APPELL(atur) AD PINEA, Heilige Maria, die nach der Pinie benannt ist. Es gibt die Vermutung, dass die Tafel so verdreckt war, dass die mittelalterlichen Menschen statt „MARIE QVE APPELL AD“, „MARIE QV CAPPELLA D“ gelesen haben. Es muss nur der Mittelstrich des E verschwinden und das Missverständnis ist da. Bei diesem Teil der Inschrift hat der Steinmetz außerdem auf die sonst üblichen Punkte zwischen den Worten verzichtet. Auch das kann zur Konfusion beitragen.

Andere Erklärungen führen den Namen auf das Wort cupella zurück, das ein kleines Fass bezeichnet. Diese Deutung wird gelegentlich mit der römischen Zunft der Fassmacher in Verbindung gebracht, die später die Kirche nutzte. Allerdings wird die Kirche bereits 1192 im päpstlichen Liber Censuum als Santa Maria in Cappella bezeichnet. Der neue Name muss sich also schon innerhalb eines Jahrhunderts nach der Weihe durchgesetzt haben, lange bevor die Fassmacher die Kirche übernahmen. Und „Maria im Fass“? Im Ernst?

Santa Maria in Cappella, Innenraum

Die mittelalterliche Basilika

Santa Maria in Cappella ist als kleine dreischiffige Basilika angelegt. Die Schiffe werden durch antike, wiederverwendete Säulen voneinander getrennt, die gerade Architrave tragen. Diese einfache Konstruktion erinnert an die frühchristlichen Basiliken Roms und gehört zu den charakteristischen Merkmalen der mittelalterlichen Kirchenarchitektur der Stadt. Die schlichten Säulenstellungen und die überschaubaren Abmessungen vermitteln noch heute einen Eindruck von der ursprünglichen mittelalterlichen Baukonzeption.

Besonders charakteristisch ist der kleine romanische Campanile, der Ende des 11. oder Anfang des 12. Jahrhunderts entstand. Er besitzt zwei übereinanderliegende Geschosse mit Biforien, also durch jeweils einen Pfeiler geteilte Fensteröffnungen.

Die mittelalterliche Grundstruktur der Kirche ist trotz zahlreicher Veränderungen erhalten geblieben. Allerdings darf das heutige Erscheinungsbild nicht mit dem Zustand des 11. Jahrhunderts gleichgesetzt werden. Insbesondere die Fassade und Teile des Innenraums wurden im 19. Jahrhundert erheblich verändert.

Beichtstuhl im Seitenschiff

Francesca Romana und die Krankenfürsorge

Im ausgehenden 14. Jahrhundert begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Kirche. Im Jahr 1391 wurde im rechten Seitenschiff, das zuvor wegen baulicher Schäden geschlossen worden war, das Ospedale del Santissimo Salvatore gegründet. An diese Nutzung erinnern heute einige im Seitenschiff aufgestellte Betten.

Die Gründung ging auf Andreozzo Ponziani und seine Frau Cecilia zurück. Ihr Sohn Lorenzo heiratete Francesca Bussa de‘ Leoni, die später als Francesca Romana bekannt wurde. Sie stammte aus einer wohlhabenden römischen Familie und lebte im nahe gelegenen Trastevere.

Die linke Inschrift lautet:
ABS CONDITE ELEEMOSINAS
IN SINV PAVPERVM
ET IPSA ORABIT PRO VOBIS
Verbergt eure Almosen im Schoß der Armen, und sie selbst werden für euch beten.
Ein Hinweis auf die Armenfürsorge.

Francesca widmete einen erheblichen Teil ihres Lebens der Versorgung von Armen und Kranken. Nach dem Tod ihres Schwiegervaters übernahm sie auch die Betreuung des Hospitals bei Santa Maria in Cappella. Hier versorgte sie Bedürftige und Kranke und führte damit das karitative Werk der Familie Ponziani fort.

Später gelangte die Kirche an die Oblatinnen von Tor de‘ Specchi, jene religiöse Gemeinschaft, die Francesca Romana 1425 gegründet hatte.

Im Jahr 1540 überließen die Oblatinnen die Kirche der Bruderschaft der Barilari, der römischen Fassmacher. Die Kirche diente nun auch als religiöser Mittelpunkt dieser Handwerkervereinigung.

Santa Maria in Cappella, Fresko im Seitenschiff

Die Familie Pamphilj

Im 17. Jahrhundert gelangte Santa Maria in Cappella in den Einflussbereich einer der mächtigsten Familien Roms. Papst Innozenz X. (1644–1655), ein Angehöriger der Familie Pamphilj, übertrug die Verfügungsgewalt über den Kirchenkomplex 1653 seiner Schwägerin Olimpia Maidalchini. Donna Olimpia war bekannt dafür, dass sie in der Familie das Sagen hatte und wichtigste Beraterin des Papstes war. Sie wurde deshalb von den Römern auch „die Päpstin“ genannt. (mehr)

Polyptychon der Heiligen Devota mit der Heiligen Agathe
Devota ist die Familienheilige der Grimaldi aus Monaco, die mit der Familie Doria Pamphilj verwandt ist.

Olimpia Maidalchini ließ südlich der Kirche ein Gartenhaus mit ausgedehnten Gartenanlagen bauen. Diese waren schnell als Bagni di Donna Olimpia bekannt, da man auch geschützt vor Beobachtern im Tiber baden konnte. Im Garten befand sich die heute leider verschwundene Fontana della Lumaca, der Schneckenbrunnen, der von Gian Lorenzo Bernini entworfen wurde. Erst mit dem Bau der Tibereindeichung wurde ein großer Teil dieser Anlage zerstört. Reste sind noch im Hof des heutigen Altersheims sichtbar. Der gesamte Komplex einschließlich der Kirche blieb bis 1971 im Besitz der Familie Doria Pamphilj.

Santa Maria in Cappella im Vordergrund und Aventin im Hintergrund, Stich von Giuseppe Vasi, 1756

Das Kreuz von Borromini

Gehen wir zurück in die Kirche und schenken wir einem bemerkenswerten Kunstwerk unsere Aufmerksamkeit. Über der Weiheinschrift befindet sich ein sehr feines farbiges Mosaikkreuz, das der damals noch junge, später berühmte Baumeister Francesco Borromini 1625 entworfen hatte. Die kunstvollen Mosaikarbeiten führte Giovanni Battista Calandra aus. Detail, siehe am Beginn des Artikels.

Mosaikkreuz von Francesco Borromini

Das Werk war Teil der Heiligen Pforte, die Papst Urban VIII. Barberini für das Heilige Jahr 1625 im Petersdom in Auftrag gegeben hatte. Borromini borgte die Bienen aus dem Wappen dieses Papstes und ließ sie das Kreuz umschwirren. Beachtet die detaillierte und fantasievolle Gestaltung, die bereits den großen Künstler des römischen Barocks erahnen lässt. Papst Innozenz X. Pamphilj ließ die Heilige Pforte später abtragen und schenkte das Kreuz ebenfalls seiner Schwägerin Donna Olimpia.

Santa Maria in Cappella, Apsis

Die Umgestaltung des 19. Jahrhunderts

Nach einer längeren Phase des Niedergangs wurde Santa Maria in Cappella gegen Ende des 18. Jahrhunderts zunächst teilweise instand gesetzt. Ihre heutige Gestalt erhielt die Kirche jedoch erst durch die umfassenden Restaurierungen des 19. Jahrhunderts.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei der römische Architekt Andrea Busiri Vici (1818–1911), der für die Familie Doria Pamphilj tätig war, der zu dieser Zeit noch der gesamte Komplex gehörte.

Zwischen 1857 und 1875 wurde das Hospital am Standort der älteren Einrichtung neu errichtet. Auch die Kirche erfuhr umfangreiche Veränderungen. Bereits um 1858 wurde die Apsis erneuert und im Stil mittelalterlicher Malerei ausgemalt.

Santa Maria in Cappella Fresken in der Apsis, 19. Jhd.

Aus dem 11. Jahrhundert stammt dagegen der erhaltene Blockaltar mit dem Relief des Lamm Gottes. (Bild siehe oben)

Santa Maria in Cappella gehört nicht zu den berühmtesten Kirchen Roms. Gerade ihre wechselvolle Geschichte macht sie jedoch besonders interessant.

Antikes Kapitell

Die Verbindung mit Francesca Romana und Olimpia Maidalchini zeigt, wie eng die Geschichte einer kleinen Kirche mit dem gesellschaftlichen Leben der Stadt verbunden sein kann.

Santa Maria in Cappella ist damit nicht nur ein mittelalterliches Baudenkmal, sondern auch ein Zeugnis für nahezu tausend Jahre römischer Sozial-, Religions- und Architekturgeschichte.

Gegenüberstellung der Fassade vor der Umgestaltung des 19. Jahrhunderts. Aquarell von Achille Pinelli, 1834. Museo di Roma, Palazzo Braschi. Und der Fassade von heute

Literatur und Quellen

  • Armellini, Mariano: Le chiese di Roma dal secolo IV al XIX. Rom 1891.
  • Buchowiecki, Walther / Kuhn-Forte, Brigitte: Handbuch der Kirchen Roms. Band 4. Wien 1997.
  • Hülsen, Christian: Le chiese di Roma nel Medio Evo. Florenz 1927.
  • Rendina, Claudio: Le Chiese di Roma. Newton Compton Editori, Rom 2007.

Internetquellen

Weihwasserbecken aus mittelalterlichen Werkstücken des 12. und 13. Jhd., erst seit 2015 in der Kirche
Chorschranke im Stil der Cosmaten
Santa Maria in Cappella, Seitenaltar

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