
Nördlich von Rom liegt der Vicosee, einer der vielen Vulkanseen in Latium. Der Kraterrand des erloschenen Vulkans bildet heute die Monti Cimini, die zum See steil abfallen, aber zur Provinzhauptstadt Viterbo als sanfte, bewaldete Hügel auslaufen. Hier liegt der kleine Ort San Martino al Cimino. Er besitzt eine riesige gotische Abteikirche, die für das Dorf viel zu groß erscheint. Die beiden vergleichsweise kleinen Türme an ihrer Fassade wirken dagegen fast bescheiden. Schon von weitem verrät die Kirche, dass dieser Ort einmal bedeutender gewesen sein muss, als seine heutige Größe vermuten lässt.
Im Chor finde ich eine prachtvolle barocke Grabplatte. Zwischen den lateinischen Zeilen fällt mir sofort ein Name ins Auge. Olimpia Maidalchini. Der ist mir in Rom doch schon begegnet.


Unvermittelt steht Francesco neben mir. „Ja, die Principessa hat die Kirche wieder aufbauen lassen. Und dafür hat sie die Maestri Bernini und Borromini hierherkommen lassen.“
Die zwei berühmtesten Barockkünstler Roms, gleichzeitig erbitterte Konkurrenten, gemeinsam in diesem kleinen Ort. Natürlich verbindet man ein solches Unternehmen sofort mit Donna Olimpia. Doch hinter dem Ausbau von San Martino stehen noch weitere Namen. Marcantonio de’ Rossi entwarf unter anderem die beiden Türme der Abteikirche. Der Oratorianer Virgilio Spada betreute das große Bauvorhaben. Die Erneuerung des Ortes war ein Gemeinschaftswerk, dessen wichtigste Voraussetzung allerdings der Wille und das Vermögen einer außergewöhnlichen Frau waren.

Olimpia Maidalchini
Olimpia wurde 1592 im nahen Viterbo geboren. Ihre Familie gehörte zum städtischen Patriziat, verfügte aber keineswegs über unbegrenzte Mittel. Wie bei vielen Töchtern ihres Standes war für sie zunächst das Kloster vorgesehen. Olimpia hatte aber andere Pläne.
1608 heiratete sie, mit gerade 16 Jahren, Paolo Nini, einen Angehörigen einer bedeutenden Familie Viterbos. Doch schon nach drei Jahren starb ihr Mann, wenig später auch ihr einziger Sohn. Olimpia blieb als junge, wohlhabende Witwe zurück.
Ihre zweite Ehe führte sie in die römische Gesellschaft. Ende 1612 wurden die Eheverträge mit dem deutlich älteren Pamphilio Pamphilj geschlossen. Er brachte den Namen einer angesehenen römischen Familie mit, sie eine ansehnliche Mitgift. Aus dieser Verbindung gingen drei Kinder hervor, darunter Camillo, der später die Zukunft der Familie sichern sollte.

Pamphilio starb 1639. Olimpia war inzwischen längst in Rom angekommen und hatte ein enges Verhältnis zu seinem Bruder Giovanni Battista aufgebaut. Als dieser 1644 zum Papst gewählt wurde und den Namen Innozenz X. annahm, stand sie plötzlich im Zentrum der Macht.
Ein kirchliches Amt konnte sie als Frau nicht bekleiden. Doch wer Zugang zum Papst suchte, eine Empfehlung benötigte oder die Interessen seiner Familie voranbringen wollte, tat gut daran, sich mit Donna Olimpia zu verstehen. Sie verstand es, Beziehungen zu knüpfen, Einfluss auszuüben und den Aufstieg der Pamphilj mit ihrem eigenen zu verbinden.
Das machte sie mächtig und verhasst. In den Spottversen und Schmähschriften der Zeit wurde sie zur Päpstin, zur eigentlichen Herrin Roms. Ihr Einfluss war tatsächlich außergewöhnlich, aber weder unbegrenzt noch ununterbrochen. Auch Olimpia musste Niederlagen hinnehmen und fiel zeitweise beim Papst in Ungnade. Erst in seinen letzten Lebensjahren gewann sie ihre beherrschende Stellung zurück.

Die Piazza Navona als Familiensalon der Pamphilj
Die Piazza Navona wurde zur prächtigen Visitenkarte der Pamphilj. Und Olimpia machte sie zu ihrem Salon.
Die langgestreckte Hufeisenform des Platzes entspringt allerdings nicht der Fantasie barocker Architekten. Kaiser Domitian ließ hier ein Stadion errichten, dessen Umriss bis heute im Stadtgrundriss erhalten geblieben ist. Auf dieser antiken Bühne inszenierte die Papstfamilie nun ihre eigene Größe.
Der Palazzo Pamphilj entstand vor allem nach Plänen Girolamo Rainaldis. Auch Borromini wirkte daran mit, besonders an der langen Galerie, deren Decke Pietro da Cortona mit Szenen aus der Geschichte des Aeneas ausmalte. Heute ist der Palast Sitz der brasilianischen Botschaft.
Davor schuf Bernini den Vierströmebrunnen. Auf seiner durchbrochenen Felsenlandschaft sitzen die gewaltigen Flussgötter, darüber erhebt sich der Obelisk. Er ist eine römische Arbeit aus der Zeit Domitians und trägt dessen Namen in Hieroglyphen. Bevor er auf die Piazza Navona kam, hatte er beim Circus des Maxentius an der Via Appia gelegen.
Ganz oben thront die Taube mit dem Olivenzweig im Schnabel. Sie gehört zum Wappen der Pamphilj. Selbst über den vier Weltteilen ließ die Familie noch ihr Zeichen schweben.

Neben dem Palast entstand die neue Kirche Sant’Agnese in Agone. Innozenz X. wollte sie zur Familienkirche und Grablege machen. Girolamo und Carlo Rainaldi begannen den Bau 1652. Im folgenden Jahr übernahm Borromini und gab ihm mit der eingeschwungenen Fassade und der weithin sichtbaren Kuppel seine entscheidende Gestalt.
Der Überlieferung nach erlitt die junge Agnes hier den Märtyrertod. Als man sie entkleidete, um sie öffentlich zu demütigen, sollen ihre Haare in Windeseile gewachsen sein und ihren Körper verhüllt haben.
Eigentlich keine passende Heilige für Olimpia. Ich stelle mir vor, wie diese ihren Widersachern auch ohne schützendes Haarwunder selbstbewusst entgegengetreten wäre. Doch ausgerechnet die jungfräuliche Märtyrerin wurde zur Patronin der prächtigen Familienkirche.
Ihre verwickelte Baugeschichte und die Kunstwerke im Inneren verdienen einen eigenen Besuch. Mehr dazu findet ihr in meinem Artikel über Sant’Agnese in Agone.

Der Tod des Papstes
Am 7. Januar 1655 starb Innozenz X. Mit ihm verlor Olimpia den Mann, auf dessen Stellung ihre Macht beruhte.
Man erzählte, sie habe aus den päpstlichen Gemächern alles Wertvolle fortschaffen lassen und sich anschließend geweigert, die Bestattung zu bezahlen. Solche Geschichten passten nur zu gut zum Bild der habgierigen Päpstin. Sie gehören zu jener Überlieferung, in der sich tatsächliche Bereicherung, Familienpolitik und die Lust an der Verleumdung kaum noch sauber voneinander trennen lassen.
Eine durchsetzungsstarke Frau hatte im Rom des 17. Jahrhunderts besonders viele Gegner. Allerdings wäre es ebenso einfach, sämtliche Vorwürfe allein damit abzutun. Olimpia hatte die Möglichkeiten ihrer Stellung durchaus zu nutzen gewusst.
Innozenz X. wurde zunächst im Petersdom beigesetzt. Erst 1677 überführte man seine sterblichen Überreste nach Sant’Agnese. Die Kirche, die als seine Grablege gedacht war, hatte ihn über zwei Jahrzehnte warten lassen. Man hatte bei den ganzen Umplanungen irgendwann vergessen, einen Platz für den Papst vorzusehen. Daher hat das prächtige Grabmonument heute den sehr ungewöhnlichen Platz über dem Hauptportal. Seine sterblichen Überreste ruhen dagegen in der Krypta.

Eine zweite Piazza Navona in der Provinz
Der neue Papst Alexander VII. wollte mit den Verhältnissen seines Vorgängers brechen. Für Olimpia war in Rom kein Platz mehr. Sie musste die Stadt verlassen und zog sich schließlich in ihre Besitzungen bei Viterbo zurück.
San Martino war allerdings kein erst in der Verbannung entdeckter Zufluchtsort. Schon während des Pontifikats ihres Schwagers hatte Olimpia die alte Abtei erneuern, den Palast ausbauen und die Siedlung umgestalten lassen. Am 10. Dezember 1653 erhob Innozenz X. das Lehen San Martino zum Fürstentum und damit Donna Olimpia zur Fürstin von San Martino.
Die mittelalterliche Zisterzienserkirche blieb das beherrschende Bauwerk. Neben ihr entstand aus älteren Klostergebäuden eine fürstliche Residenz. Unterhalb und hinter der Abtei entwickelte sich ein geordnetes Gefüge aus Straßen, Plätzen und gleichförmigen Häusern. Die aneinandergebauten Wohnhäuser folgen dem Gelände und der äußeren Begrenzung des Ortes. Hier wurde nicht einfach hier und dort ein Haus ergänzt. Hier erhielt ein ganzer Ort eine neue Gestalt.

Wenn man San Martino aus der Luft betrachtet, fällt auf, dass die Häuser exakt die Form der Piazza Navona nachbilden. Olimpia ließ sich ihren Platz hier in der Provinz ein zweites Mal bauen. Diesmal allerdings mit einer gotischen Abtei statt Berninis Vierströmebrunnen.
In Rom sahen viele in ihr die habgierige Frau hinter dem Papst. In San Martino blieb sie die große Bauherrin, die dem Ort eine Zukunft gegeben hatte.
Lange konnte sie ihre Residenz nicht mehr genießen. Am 26. September 1657 starb Olimpia hier an der Pest. Ihr Grab befindet sich in jener Kirche, deren Erneuerung sie selbst veranlasst hatte.

Die Principessa und ihr Geist
„Die Principessa hat alles für uns getan, ohne sie gäbe es den Ort nicht“, erklärt Francesco.
Natürlich hatte San Martino schon vor Olimpia existiert. Aber ich verstehe, was er meint. Der Ort, den wir heute sehen, trägt noch immer ihre Handschrift.
Da steht schon Francescos Frau in der Kirchentür und erinnert ihn daran, dass der Sonntagsbesuch am Mittagstisch wartet. Unser Gespräch ist beendet. Die Principessa bleibt zurück, unter ihrer Grabplatte im Chor.

In San Martino scheint niemand schlecht über sie reden zu wollen. In Rom war man weniger nachsichtig. Dort soll noch lange nach ihrem Tod der Geist der Donna Olimpia in einer brennenden Kutsche über den Ponte Sisto geprescht sein. Auf der Jagd nach späten Fußgängern.
Vielleicht ist das der wahre Grund, warum die Stadtregierung von Rom die Brücke mit dicken Pollern für den Verkehr gesperrt hat.
Literatur und Quellen
- Stefano Tabacchi, Maidalchini, Olimpia, in Dizionario Biografico degli Italiani, Band 67, 2006. Zur Lebensgeschichte und politischen Rolle Donna Olimpias sowie zur Entstehung ihres schlechten Rufes.
- De Rossi, Marc’Antonio, in Dizionario Biografico degli Italiani, Band 39, 1991. Zur Umgestaltung von San Martino al Cimino und zur Beteiligung Virgilio Spadas.
- Regione Lazio, Palazzo Doria Pamphilj. Zur Geschichte des Palastes und zur städtebaulichen Erneuerung San Martinos.
- Roma Capitale, Palazzo Pamphilj. Zur Baugeschichte des Palastes an der Piazza Navona.
- Sant’Agnese in Agone, Ricostruzioni e architettura und Necropoli o Cripta Cimiteriale. Zur Baugeschichte der Kirche und zur Bestattung Innozenz’ X.


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