Der Geist der Donna Olimpia

Nördlich von Rom liegt der Vicosee, einer der vielen Vulkanseen in Latium. Der Kraterrand des erloschenen Vulkans bildet heute die Monti Cimini, die zum See steil abfallen, aber zur Provinzhauptstadt Viterbo als sanfte, bewaldete Hügel auslaufen. Hier liegt der kleine Ort San Martino al Cimino. Er hat eine riesige gotische Basilika, viel zu groß für…

Büste der Olimpia Maidalchini von Alessandro Algardi, 1650, Galleria Doria Pamphilj.

Nördlich von Rom liegt der Vicosee, einer der vielen Vulkanseen in Latium. Der Kraterrand des erloschenen Vulkans bildet heute die Monti Cimini, die zum See steil abfallen, aber zur Provinzhauptstadt Viterbo als sanfte, bewaldete Hügel auslaufen. Hier liegt der kleine Ort San Martino al Cimino. Er hat eine riesige gotische Basilika, viel zu groß für den Ort, mit zwei viel zu kleinen Türmchen, die ebenfalls den Proportionen nicht standhalten können. Dies ist der Rest einer einst mächtigen Abtei an der Pilgerstraße nach Rom.

Im Chor finde ich eine prachtvolle, barocke Grabplatte in deren Inschrift mir sofort der Name „Olimpia Maidalchini“ ins Auge fällt. Der Name ist mir in Rom doch schon begegnet.

Abteikirche von San Martino al Cimino

Unvermittelt steht Francesco neben mir. „Ja die Principessa (italienisch für Fürstin) hat die Kirche wieder aufbauen lassen. Und dafür hat sie die Maestri Bernini und Borromini hierherkommen lassen.“ Die zwei wichtigsten Barockkünstler Roms, gleichzeitig erbitterte Gegner, hier in diesem kleinen Ort vereinigen, das konnte tatsächlich nur eine schaffen: Donna Olimpia Maidalchini.

Grabplatte der Olimpia Maidalchini in der Kirche von San Martino al Cimino

Olimpia Maidalchini

Sie wurde 1592 nicht weit von hier, in Viterbo, in ärmlichen Verhältnissen geboren. Doch sie schaffte es ihre Schönheit gewinnbringend einzusetzen und in Rom Karriere zu machen. Sie heiratete schließlich den genauso reichen wie betagten Pamphilio Pamphilj aus einer wichtigen römischen Adelsfamilie. Als er bald starb, hinterließ er ihr nicht nur einen Haufen Geld, sondern auch viel Einfluss. Nicht zuletzt auf ihren Schwager, der durch glückliche Fügung, 1644 zum Papst Innozenz X gewählt wurde. Er, nur sie durfte ihn mit seinem Taufnamen Gian Battisto rufen, traf schließlich keine noch so unbedeutende Entscheidung mehr ohne ihren Rat. Oder richtiger, sie traf die Entscheidungen, er war ihr Sprachrohr. Jedem in Rom war klar, wer eigentlich den Kirchenstaat regierte. Schnell wurde sie vom Pasquino zur Papessa della Piazza Navona, zur Päpstin, erklärt.

Caspar van Wittel, Piazza Navona, 1699, Museum Thyssen-Bornemisza, Madrid

Umbau der Piazza Navona

Ja, die Piazza Navona machte sie zu ihrem Salon. Hier ließ sie die Konkurrenz von Bernini und Borromini aufeinanderprallen, Heraus kam der schönste barocke Platz Roms. Seine langgestreckte Hufeisenform entspringt jedoch nicht den Köpfen der Architekten. Kaiser Domitian ließ einst hier ein Stadion errichten. Sein Name steht in Hieroglyphen auf dem Obelisk, der heute den Vierströmebrunnen Berninis bekrönt. Eine der letzten Inschriften in der ägyptischen Schrift, bevor sie in Vergessenheit geriet. In dieser Arena starb die heilige Agnes den Märtyrertod. Ein göttliches Wunder ersparte ihr zwar nicht den Tod, doch ließ es ihr in Windeseile Haare wachsen, mit denen sie ihren Körper vor den gaffenden Zuschauern bedecken konnte.

Eigentlich keine passende Heilige für Olimpia. Ich stelle mir vor wie diese nackt und ohne Scham den Widersachern gezeigt hätte, was ein Haken ist. Doch Borromini baute für eben diese Agnes die prächtige Kirche neben ihrem Palast in Olimpias Auftrag. Dieses ebenfalls von Francesco Borromini errichtete Stadtschloss ist heute der feudale Sitz der brasilianischen Botschaft.

Sant’Agnese an der Piazza Navona in Rom

Das Ende der Donna Olimpia

Man sagt als der Papst starb, hätte die Maidalchini alles Wertvolle aus den vatikanischen Gemächern gerafft und sich geweigert das Begräbnis zu bezahlen. Der Pfarrer von Sant‘Agnese hat schließlich selbst das Geld für ein bescheidenes Begräbnis in seiner Kirche aufgebracht. Doch vielleicht ist das nur Propaganda ihrer Gegner, die nicht hinnehmen wollten, dass eine durchsetzungsstarke Frau so viel Macht ausübte. Der nachfolgende Papst verbannte sie nach San Martino, als Fürstin eines Reichs, das nur dieses Dorf umfasste. Doch sie ging sofort daran dieses Dorf zu ihrer Residenz auszubauen, ja in wesentlichen Teilen komplett neu zu errichten.

Wenn man den Ort aus der Luft betrachtet, fällt auf, dass die Häuser exakt die Form der Piazza Navona nachbilden. Olimpia ließ sich ihren Platz hier in der Provinz ein zweites Mal bauen. Doch schon 1657 ist Olimpia hier von der Pest hingerafft worden.

„Die Principessa hat alles für uns getan, ohne sie gäbe es den Ort nicht.“ erklärt Francesco. Doch da steht schon seine Frau in der Kirchentür und erinnert ihn daran, dass der Sonntagsbesuch am Mittagstisch wartet. In San Martino redet niemand schlecht über die Principessa. Doch noch lange nach ihrem Tod haben die Römer in dunklen Nächten den Geist der Donna Olimpia in einer brennenden Kutsche über den Ponte Sisto preschen sehen. Auf der Jagd nach späten Fußgängern. Vielleicht ist das der Grund, warum vor einiger Zeit die Stadtregierung Roms die Brücke mit dicken Pollern für den Verkehr gesperrt hat.

Die Piazza Navona aus der Vogelperspektive
San Martino al Cimino aus der Vogelperspektive
Abteikirche von San Martino al Cimino
Grab von Innozenz X. in Sant’Agnese

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