Die Domus von Amor und Psyche

Skulptur von Amor und Psyche im Museo Ostiense

Das Schöne an den Ausgrabungen von Ostia Antica ist es für mich, abseits der großen Straßen durch die Ruinen zu schlendern und mich von interessanten Funden überraschen zu lassen. So durchquere ich die Thermen des Buticosus, über die sich auch eine Menge erzählen ließe. An dem unbefestigten Weg treffe ich auf eine hohe, schmucklose Ziegelmauer. Ich gehe an ihr entlang. Drei Stufen führen zum Eingang und der Eindruck ist überwältigend. Niemand ahnt von außen, welchen Luxus das Innere dieses Hauses birgt.

Außenwand der Domus von Amor und Psyche

Wir haben die Domus von Amor und Psyche gefunden. Das Haus entsteht im frühen 4. Jahrhundert n. Chr. durch den Umbau eines älteren Gebäudekomplexes. Während viele der großen Mietshäuser und Gewerbebauten Ostias allmählich ihre ursprüngliche Funktion verlieren, werden andere Gebäude zu aufwendig ausgestatteten Privatresidenzen umgestaltet. Die Domus di Amore e Psiche ist ein besonders anschauliches Beispiel für diese Entwicklung.

Mit ihren kostbaren Marmorböden, dem kleinen Garten und einem aufwendigen Nymphäum vermittelt sie einen Eindruck von den Wohnverhältnissen wohlhabender Menschen in der Spätantike. Leider sind keine Inschriften bekannt, die Aufschluss über die Identität der damaligen Bewohner geben könnten.

Domus di Amore e Psiche (I,XIV,5) Grundriss
Schwelle an der Haustür zur Domus von Amor und Psyche, man sieht die Löcher für Türpfosten und Riegel

Das Vestibül – Der Eingang

Nehmen wir an, wir kommen vor 1600 Jahren zu diesem Haus. Wir sind Besucher, die mit einer Bitte an den Hausherrn herantreten möchten.

Wir steigen drei Stufen nach oben. Die Domus wurde auf einem höheren Bodenniveau angelegt als ihre Vorgängerbauten. Dazu wurden ältere Strukturen teilweise verfüllt. Möglicherweise geschah dies als Reaktion auf Hochwasser.

Vestibül (A) – Eingangsraum mit Sitzbänken

Wir klopfen an die hohe Holztür. Ein Sklave lässt uns herein und bittet uns, im Vestibül (A) zu warten. Dies ist der kleine Eingangsraum mit Marmorbänken an zwei Seiten. Die Bänke sind heute noch gut zu sehen, die Marmorverkleidung fehlt allerdings. Der Fußboden besteht aus einem einfachen polychromen Mosaik ohne aufwendiges Muster.

Die Tür zum eigentlichen Haus bleibt allerdings noch verschlossen. Wir können heute noch Vertiefungen in den Marmorschwellen erkennen, die vermutlich zur Befestigung oder Verriegelung der Türen dienten. Das Vestibül bildete somit einen Übergang zwischen der Außenwelt und dem privaten Wohnbereich.

Sitzbank im Korridor (B)
Bodenmosaik im Korridor (B)

Der zentrale Korridor – Das Verbindungselement des Hauses

Nach einiger Zeit öffnet sich die Tür und wir treten in den breiten, zentralen Korridor (B) ein. An seiner Südseite befindet sich eine weitere gemauerte Bank, auf der wir Platz nehmen, um uns noch etwas länger in Geduld zu üben. Am anderen Ende des Korridors führen Stufen zum Tablinium (C) hinauf, dem zentralen Empfangsraum der Domus. Dort hören wir den Hausherrn schon mit einem Geschäftspartner reden. Gleich sind auch wir dran.

Aber schauen wir uns zuvor um. Anders als in den traditionellen römischen Atriumhäusern gruppieren sich die Räume nicht um ein großes zentrales Atrium. Stattdessen erschließt ein breiter Korridor die verschiedenen Wohn- und Empfangsräume.

Korridor (B) mit Mosaikfußboden
Korridor (B) Richtung Tablinium

Der Fußboden ist mit einem geometrischen, mehrfarbigen Mosaik ausgestattet. An der einen Seite öffnen sich die Zugänge zu kleineren Räumen, während die gegenüberliegende Seite durch eine Säulenstellung mit dem Garten verbunden ist. Der Korridor dient nicht nur der Erschließung. Durch die Arkaden gelangen Tageslicht und Luft in das Gebäude. Zugleich öffnet sich der Blick auf die architektonisch gestaltete Gartenwand mit ihrem Nymphäum. Ein beeindruckender und unerwarteter Anblick, der den Luxus des Hauses widerspiegelt.

Blick durch den Garten auf das Nymphäum (I)

Das Viridarium – Ein kleiner Garten im Inneren der Domus

Rechts schauen wir in das Viridarium (I), ein schmaler, zum Himmel offener Garten.

Fünf hohe Ziegelarkaden, die von vier Säulen getragen werden, trennen ihn vom angrenzenden Korridor. Drei Säulen bestehen aus grauem Granit, die vierte aus geädertem Marmor. Die unterschiedlichen Materialien lassen vermuten, dass beim Bau auch ältere Bauteile wiederverwendet wurden. Die Säulen stehen auf einer mit Marmor abgedeckten Brüstung. Ihre korinthischen Kapitelle sind relativ einfach gearbeitet.

Der Garten selbst ist klein und von hohen Mauern umgeben. Dennoch lässt sich seine Bedeutung für die Wohnräume erkennen. Er bringt Tageslicht in das Innere des Hauses und schafft zugleich einen geschützten Außenbereich, der von den angrenzenden Räumen aus betrachtet werden kann.

Den Abschluss bildet das Nymphäum.

Nymphäum (I)

Das Nymphäum – Wasser und Marmor

Während wir nun schon eine Weile hier sitzen, gewöhnen wir uns an diese ganz eigene Welt. Der Straßenlärm von Ostia ist verschwunden. Wir hören das angenehme Plätschern des Wassers, denn die gegenüberliegende Wand des Gartens wird komplett von einem Nymphäum eingenommen. Dies gehört zu den aufwendigsten Teilen der Domus. Seine Architektur ist noch so weit erhalten, dass sich die ursprüngliche Wirkung recht gut rekonstruieren lässt.

Den unteren Teil bildet ein mit weißem Marmor verkleideter Sockel. In seiner Vorderseite befinden sich fünf tiefe, hufeisenförmige Nischen. Auch diese waren mit Marmor ausgekleidet, wobei für die mittlere Nische Cipollino verwendet wurde.

Nymphäum (I), man sieht die Wasserausflüsse in die Brunnenanlage

Darüber erhebt sich eine mehr als vier Meter hohe architektonische Fassade. Sie besteht aus drei halbrunden und zwei rechteckigen Nischen, die von kleinen Marmorsäulen gegliedert werden. Auf den Säulen ruhen korinthische Kapitelle und Travertinelemente, die die kleinen Ziegelbögen tragen.

Die Nischen waren verputzt. In den Bögen und Nischenkalotten wurden Reste farbiger Mosaiken festgestellt. Zwischen den Säulenbasen befanden sich fünf leicht abgestufte Marmorrinnen, über die Wasser nach unten floss. Es wurde durch eine Bleileitung herangeführt und sammelte sich zunächst in kleinen rechteckigen Becken. Weitere Leitungen führten durch den Sockel, aus dessen Vorderseite ebenfalls Wasser austrat.

Das Nymphäum ist damit keine bloße Wanddekoration, sondern eine funktionierende Brunnenanlage. Die Verbindung von Wasser, Marmor und farbigen Mosaiken dürfte den kleinen Garten erheblich aufgewertet haben. Die gesamte Domus ist eine sorgfältig aufeinander abgestimmte Inszenierung aus Marmor, Mosaiken und Wasser, die nicht nur das Auge, sondern auch das Gehör anspricht.

Überreste der Latrine mit Wasserrinne

Die Latrine

Und wenn einer der Wartenden ein menschliches Bedürfnis hatte? Kein Problem. Ein schmaler Gang führte vom zentralen Bereich der Domus zu einer kleinen Latrine (H). Diese lag in einem vom eigentlichen Empfangsbereich abgetrennten Teil des Hauses.

Von der ursprünglichen Einrichtung sind noch einige bemerkenswerte Reste erhalten. Eine schmale, mit Stein eingefasste Rinne diente vermutlich zum Reinigen der Hände und zum Ausspülen des Schwamms, der anstelle unseres heutigen Toilettenpapiers verwendet wurde. In der unmittelbar danebenliegenden rechteckigen Vertiefung verlief vermutlich der Abwasserkanal unter den einstigen Toilettensitzen. An der hinteren Wand ist außerdem ein dunkler Stein erhalten, der als Auflager für die Sitzkonstruktion gedient haben dürfte. Die Sitze selbst sind verschwunden.

Die Latrine war damit in die technische Infrastruktur des Hauses eingebunden. Ihre Lage zeigt, dass bei der Planung auch praktische Gesichtspunkte berücksichtigt wurden. Sie war gut erreichbar, lag aber abseits der wichtigsten Blickachsen.

Eingang ins Tablinium (C)

Der große Empfangsraum – Das Tablinium

Endlich werden wir zum Hausherrn gerufen. Über zwei Stufen am Ende des Korridors gelangen wir in das Tablinium. Wir sind sofort überwältigt von der prachtvollen Ausstattung. Zuerst fällt uns der farbige Fußboden ins Auge. Er besteht aus einem außergewöhnlich sorgfältig ausgeführten Opus Sectile, dessen geometrische Muster aus verschiedenfarbigen Marmor- und Porphyrplatten zusammengesetzt sind.

Verwendet wurden unter anderem Giallo Antico, Pavonazzetto sowie roter und grüner Porphyr. Die Gestaltung folgt einem quadratischen Grundschema, in dem sich Kreise und verschachtelte geometrische Formen miteinander verbinden.

Impressionen der Opus-Sectile-Böden im Tablinium (C)
Wandverkleidung aus Marmor im Tablinium (C)

Fünf besonders aufwendig gestaltete Felder sind in einer Quincunx-Anordnung verteilt. Eines liegt in der Mitte, vier weitere sind symmetrisch darum angeordnet. Auch die unteren Wandpartien sind mit Marmor verkleidet. Ein Rest dieser Verkleidung ist heute noch in der Nordwestecke zu sehen.

Sogar hier gibt es in einer Nische einen Brunnen mit einem Marmorbecken. Wasser plätschert offenbar wirklich im ganzen Haus. Noch heute ist in der Rückwand eine Öffnung zu erkennen, durch die einst eine Bleileitung das Wasser zuführte.

Brunnennische im Tablinium (C)
Brunnennische im Tablinium (C)

Die aufwendige Ausstattung macht deutlich, dass dieser Raum eine besondere Stellung innerhalb des Hauses einnahm. Er dürfte dem Empfang von Gästen und anderen repräsentativen Zwecken gedient haben.

Ganz links sehen wir eine Treppe, über die man in die privaten Räume im Obergeschoss des Hauses gelangt. Für uns ist hier Schluss. Wir sind froh, dass sich der Hausherr nun endlich unser Anliegen anhört. Der Besuch dieser kleinen, aber ausgesprochen luxuriösen Domus hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Raum D

Die kleineren Räume

Wir gehen zufrieden und entspannt hinaus. Wir können noch kurz in die kleineren Räume auf der anderen Seite des Korridors hineinschauen. Der erste Raum (D) besitzt einen schwarz-weißen Mosaikboden mit geometrischen Mustern. Seine Ausstattung ist aber schlichter als die des großen Empfangsraumes. Der benachbarte Raum (E) ist dagegen besonders kostbar gestaltet. Sein Boden ist mit Opus Sectile ausgelegt, auch die Wände sind mit Marmor verkleidet. Und schließlich im dritten Raum (F) befindet sich wiederum ein schwarz-weißes geometrisches Mosaik. Die Wände sind verputzt und bemalt.

Skulptur von Amor und Psyche in Raum E

Amor und Psyche – Die Skulptur, die dem Haus seinen Namen gab

Und dann ist da noch die berühmte Skulptur, die dem Haus seinen modernen Namen gab. Wir wissen nicht genau, wo sie stand, als unsere kleine Delegation vor 1600 Jahren hier ihren Besuch abstattete. Häufig wird angenommen, dass sie auf dem hohen Sockel im kostbar ausgestatteten Raum E aufgestellt war, wo wir heute eine Kopie sehen. Der Archäologe James E. Packer vermutete dagegen, dass der Sockel ursprünglich einen Tisch trug und die Skulptur möglicherweise im Viridarium stand.

Kaum jemand bestreitet jedoch, dass die Skulptur von Amor und Psyche das schönste Ausstattungsstück des Hauses ist.

Skulptur von Amor und Psyche in Raum E

Die beiden jugendlichen Figuren schmiegen sich eng aneinander. Amor umfasst Psyche, während sich ihre Köpfe einander zuneigen. Die kleine Gruppe greift ein Motiv auf, das bereits in der hellenistischen Kunst verbreitet war.

Besonders bekannt wurde die Geschichte von Amor und Psyche durch den römischen Schriftsteller Apuleius, der sie im 2. Jahrhundert n. Chr. in seine Metamorphosen aufnahm.

Psyche, die schöne Tochter eines Königs, erregt die Eifersucht der Göttin Venus. Diese beauftragt ihren Sohn Amor, das Mädchen in einen unwürdigen Mann verliebt zu machen. Stattdessen verliebt sich Amor selbst in Psyche. Nach einer Reihe von Prüfungen und Trennungen werden beide schließlich wieder vereint. Psyche erhält die Unsterblichkeit und kann Amor heiraten.

Amor und Psyche von Antonio Canova, 1787–93, Louvre Paris

Die Skulptur aus Ostia zeigt die beiden Liebenden in einem Augenblick zärtlicher Nähe.

Ob der Mythos von Amor und Psyche für den Eigentümer eine besondere persönliche oder religiöse Bedeutung besaß, wissen wir nicht. Es ist nicht auszuschließen, dass der Hausbesitzer im vierten Jahrhundert bereits Christ war. Die Skulptur konnte ebenso wegen ihres künstlerischen Wertes und des beliebten mythologischen Motivs ausgewählt worden sein.

Das Original befindet sich heute im Museo Ostiense, während im Haus eine Kopie zu sehen ist.

Domus di Amore e Psiche, Südostfassade

Damit endet unser Besuch in der Domus di Amore e Psiche. Wir verlassen das Haus und treten wieder hinaus auf die Straßen von Ostia. Hinter uns liegt eine vergleichsweise kleine, aber außerordentlich kostbar ausgestattete Stadtvilla. Ihre Marmorfußböden, die kunstvollen Wandverkleidungen, das kleine Viridarium mit seinen Brunnen und nicht zuletzt die Skulptur der beiden Liebenden vermitteln noch heute einen Eindruck vom Wohlstand und vom Kunstgeschmack ihres einstigen Besitzers.

Wer dieser Mann war, wissen wir nicht. Doch sein Haus zeigt uns, dass Ostia auch im vierten Jahrhundert keineswegs nur eine Stadt im Niedergang war. Zumindest wohlhabende Bürger konnten sich hier noch eine Wohnkultur leisten, die an Luxus kaum etwas zu wünschen übrig ließ. Zu diesen Häusern gehören neben der Domus di Amore e Psiche unter anderem die Domus della Fortuna Annonaria und die Domus del Protiro.

Und vielleicht ist es gerade das, was die Domus di Amore e Psiche so faszinierend macht. Nach rund 1600 Jahren können wir noch immer ein wenig von der Atmosphäre erahnen, in der ihre Bewohner einst lebten.

Literatur und Quellen

  1. Ostia-Antica.org, „Regio I – Insula XIV – Domus di Amore e Psiche (I, XIV, 5)“. Ausführliche Dokumentation der Architektur, Raumaufteilung und Ausstattung mit Grundrissen und Fotografien. https://ostia-antica.org/regio1/14/14-5.htm
  2. Becatti, Giovanni (1948), „Case ostiensi del tardo impero – I“, Bollettino d’Arte, insbesondere S. 105–108. Die grundlegende Erstbeschreibung mit Grundriss und Angaben zur Ausstattung. PDF des Aufsatzes.
  3. Becatti, Giovanni (1961), Scavi di Ostia IV. Mosaici e pavimenti marmorei, Rom, S. 28–29. Wichtig für die Marmorfußböden.
  4. Packer, James E. (1967), „The Domus of Cupid and Psyche in Ancient Ostia“, American Journal of Archaeology 71, 1967, S. 123–131. Eine zentrale Untersuchung zur Architektur und Nutzung des Hauses.
  5. Heres, Thea L. (1982), Paries. A Proposal for a Dating System of Late-Antique Masonry Structures in Rome and Ostia, Amsterdam. Wichtig für Bauphasen und Mauerwerk.
  6. Lucchetti, Simone (2022), „Da caseggiato a residenza aristocratica. L’evoluzione della domus di Amore e Psiche a Ostia Antica“, S. 105–118. Besonders wichtig für die Neubewertung der Baugeschichte. Università La Sapienza.
  7. Angelelli, Claudia / Borelli, Veronica (2015), TESS-Datenbank, Einträge zu den Marmorböden des Tabliniums und des Raumes E. Tablinium und Raum E.
Skulptur von Amor und Psyche im Museo Ostiense

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