Die Villa der Quintilier

Villa der Quintilier, Panorama

Besichtigen wir heute eine römische Ruine, die etwas Besonderes ist. Da sie etwas außerhalb der römischen Altstadt liegt, wird sie von wenigen Touristen besucht. Dabei ist sie eigentlich gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar (siehe unten). Man kann sie auch in eine Wanderung auf der Via Appia einbeziehen.

Dass die alten Römer wussten, wie man gut lebt, ist ja eine Binsenweisheit. Doch wenn man die Villa der Quintilier an der Via Appia besucht, bzw. was davon übrigblieb, kommt man schon ins Grübeln, welche Ansprüche man heute an seinen Lebensstandard hat. Selbst Berlusconis Villa auf Sardinien wirkt bescheiden dagegen. Diese Villa sprengt alle Vorstellungen eines Landhauses. Wenn man von der Bushaltestelle zu den Ruinen auf dem Hügel hinaufschaut, bekommt man eine Ahnung davon, warum Reisende im Mittelalter die Mauern Roma Vecchia (Altes Rom) nannten. Sie hielten die Anlage für die Überreste einer ganzen Stadt.

Plan der Villa der Quintilier, zum Vergrößern klicken

Die Gebrüder Sextus Quintilius Condianus und Sextus Quintilius Valerius Maximus haben im Leben alles gemeinsam gemacht und so wurden sie auch gemeinsam Konsuln, also Inhaber des höchsten traditionellen Staatsamtes. Tatsächlich gab es immer zwei gleichberechtigte Konsuln, die, seit es einen Kaiser gab, nur noch wenig politische Macht, aber umso mehr Prestige hatten. Um die Mitte des 2. Jahrhunderts befand sich das Anwesen im Besitz der beiden Brüder, die es zu einer der gewaltigsten Villenanlagen des römischen Umlands ausbauen ließen.

Sie übernahmen dabei eine bestehende Villa an der Via Appia, in Höhe des fünften Meilensteins. Der Ausbau dieses Anwesens fiel ausgesprochen großzügig aus. Die alte Villa beherbergte künftig nur den Dienstbotentrakt, der neue Palast war gigantisch, vor allem in Bezug auf die Sanitäreinrichtungen. Nein, sie hatten nicht mehrere Badezimmer. Es waren mehrere Thermenanlagen.

Nymphäum der Villa der Quintilier an der Via Appia Antica

180 n. Chr. wurde Commodus als Nachfolger seines Vaters Mark Aurel Kaiser, Kinogängern aus dem Streifen „Gladiator“ mit Russell Crowe bekannt. Ob Commodus die Villa tatsächlich gesehen und beschlossen hatte „Das gefällt mir – das will ich!“, wissen wir nicht. Sicher ist jedoch, dass er 182 oder 183 n. Chr. die Quintilier wegen ihrer angeblichen Beteiligung an einer Verschwörung hinrichten ließ und ihren Besitz konfiszierte. Und so konnte Commodus in die Villa einziehen.

Selbstverständlich nahm er noch ein paar Umbauten vor. Da er fanatischer Fan von Gladiatorenspielen war, ließ er eine Gladiatorenarena anbauen. Die Villa wurde zur kaiserlichen Residenz, die auch von folgenden Kaisern benutzt wurde.

Die Räume sind nach unterschiedlichen Funktionen und Hierarchien organisiert. Es gibt Bereiche für den Alltag, Bereiche für die Dienerschaft, Badeanlagen, Höfe und vor allem Räume für die Repräsentation.

Beginnen wir unseren Rundgang am Haupteingang in der Via Appia Nuova 1092.

Antiquarium

Wir durchqueren zuerst das kleine Museum, das Antiquarium. Auf die Ausstellungsstücke möchte ich nicht im Einzelnen eingehen. Unübersehbar ist aber die Monumentalstatue des thronenden Zeus in der Mitte des Raums, ein bärtiger Gott, der auf einem Felsen sitzt. Es handelt sich um Zeus Bronton, den donnernden Zeus, der aus Kleinasien stammte und für Landwirtschaft, Fruchtbarkeit und Viehzucht zuständig ist. Offensichtlich ein für die Quintilier wichtiger Kult, denn es wurden zwei weitere, kleinere Ausgaben des Gottes gefunden.

Statue des Zeus Bronton im Antiquarium

Zwei bekannte Statuen befinden sich heute außerhalb der Ausgrabungen. Die Aphrodite, genannt „Braschi“, nach der Adelsfamilie, die sie besaß, steht in der Glyptothek in München. Sie ist eine römische Fassung der berühmten Aphrodite von Knidos des Praxiteles.

Der Apollo Citaredo (der Leier spielende) ist im Palazzo Massimo in der Nähe des römischen Hauptbahnhofs Termini zu sehen.

Der Apollo Citaredo heute im Palazzo Massimo, Rom, für die ganze Statue klicken

Gehen wir den Hügel zur Villa hinauf. Der Platz auf einer alten Lavazunge vom Vulkan der Albaner Berge wurde bewusst gewählt. Wegen der Sichtbarkeit der Villa und der Aussicht auf die Landschaft.

Ludus

Uns fällt sofort der große elliptische Bau auf, der als Palestra-Ludus, als Trainings- und Übungsanlage für Gladiatoren, interpretiert wird. Er gehört zum Ausbau der Villa unter Commodus, der ein großer Fan der Gladiatorenspiele war. Unter späteren Kaisern wurde die Anlage als Garten umgenutzt.

Am Beginn des Eingangs, der in der Antike der rückwärtige Eingang war, befindet sich ein Raum mit einem schönen schwarz-weißen Mosaik. Es zeigt Ranken und dazwischen Vögel. Es stammt wohl erst aus der Umbauphase unter Kaiser Commodus. Weiter geradeaus befindet sich der Trakt für Dienstboten und Sklaven. Dies ist der älteste Teil der Villa, der schon vor den Quintiliern, Anfang des 2. Jahrhunderts errichtet wurde. Wir sehen, dass Durchgänge teilweise zu kleineren Türen zugemauert wurden. Über diesen Bereich wurden die Privaträume der Quintilier errichtet. Wir gehen ein Stück zurück und erreichen sie über eine großzügige Treppe.

Privaträume

Leider ist dieser Bereich nicht ganz so gut erhalten. Man sieht aber noch deutlich die riesige Terrasse und kann sich gut vorstellen, wie die Herrschaften den Blick auf die Albaner Berge genossen. Im nicht mehr erhaltenen Obergeschoss befanden sich Schlafräume, es gab auch eine kleine Badeanlage. Alles war aufwändig mit Marmor ausgestattet. Einige Räume waren sogar beheizbar, darunter das sogenannte Wintertriklinium. Es hatte aufwändige Fußböden aus Opus Sectile. Der repräsentative Speisesaal war monumental überwölbt. In der Mitte des Fotos sehen wir die Reste der Tragepfeiler.

Wohnbereich der Villa mit den Resten der Pfeiler (Mitte) des Wintertrikliniums

Besser erhalten sind die anschließenden repräsentativen Räume. Wir durchqueren die Reste einer ehemaligen Halle mit gut erhaltenen Fußbodenplatten aus Cipollino-Marmor. Dieser wertvolle Marmor stammte von der griechischen Insel Euböa.

Repräsentativer Bereich

Wir kommen nun in den repräsentativen Teil der Villa, in dem sich zahlreiche Mosaikböden und sogar Reste der Wandmalerei erhalten haben.

Ein Beispiel ist Raum R11 mit einem gut erhaltenen Boden aus der ersten Hälfte des 2. Jhd. und damit vom Beginn des monumentalen Ausbaus der Villa. Besonders schön ist der Mosaikboden in Raum R18 aus der Mitte des 2. Jh. n. Chr., ein Raum, in dem die Wandmalereien auch noch gut erhalten sind.

Raum 18 mit Mosaikboden und Wandmalereien
Raum 19 mit Opus-Sectile-Boden

Es gibt auch Beispiele von Opus Sectile, bei denen teils aufwändige Muster aus verschiedenen Steinarten zusammengeschnitten wurden, wie in Raum R19 aus dunklem Schiefer, hellgrauem Palombino und gelbem Giallo Antico, einem Marmor aus Tunesien.

Zum repräsentativen Bereich der Villa gehörte sogar ein Theater, in dem die Hausherren ihren Gästen Unterhaltung bieten konnten.

Theater

Ursprünglich befand sich hier eine halbrunde Wandelhalle, die zum dahinterliegenden Sommertriklinium führte. Unter Commodus wurde sie wahrscheinlich in ein kleines Theater mit drei flachen Sitzstufen für einen ausgewählten Kreis von Gästen umgebaut. Später wurden diese wieder zugeschüttet und ein aufwändiger Boden aus Cipollino, weißem Marmor und Breccia Corallina aus der Türkei verlegt, dessen Reste wir in der Mitte der Exedra sehen.

Thermen

Der interessanteste Teil der Villa ist jedoch der monumentale Komplex der Thermen, von denen noch die aufragenden Mauern erhalten sind, die von weitem zu sehen sind.

Ein Thermenbesuch war in der römischen Welt keine rein private Angelegenheit, sondern ein gesellschaftliches Ereignis. Dabei durchlief man gewöhnlich Bäder unterschiedlicher Temperatur.

Frigidarium
Versuch der Rekonstruktion des Frigidariums

Wir erreichen die Thermen über den Raum R 53 mit einem wunderschönen Opus-Sectile-Boden aus Giallo Antico und grünem Porphyr. Der erste große Saal, den wir betreten, ist das Frigidarium, das Kaltbad. Hier kann man sich auch noch am besten die vergangene Pracht mit Marmorböden und Marmorverkleidung an den Wänden vorstellen. Im Osten und Westen kann man noch gut die beiden Becken sehen, in denen die Badenden sich abkühlten, nachdem sie die wärmeren Bäder durchlaufen hatten.

Das Bad entstand wohl unter den Quintiliern auf den Fundamenten älterer Bauten. Unter Commodus kam möglicherweise die luxuriöse Ausstattung mit buntem Marmor dazu.

Interessant sind die zwei Cipollino-Säulen vor dem östlichen Becken. Sie bestehen aus einem grün geäderten Marmor von der griechischen Insel Euböa. Die Säulen wurden 1828/29 ausgegraben. Die damaligen Besitzer der Villa, die Adelsfamilie Torlonia, brachten die Säulen zur Dekoration in das von ihnen erbaute Teatro Tordinona. Als dieses für die Eindeichung des Tibers 1888 abgebrochen wurde, kamen die Säulen ins Nationalmuseum in den Diokletiansthermen. Erst im Jahr 2000 wurden die Säulen wieder an ihrem ursprünglichen Platz aufgestellt.

Caldarium

Das Frigidarium ist kein Privatbad mehr, sondern hat die Ausmaße einer öffentlichen Therme. Es ging dem Kaiser vor allem darum, seine Gäste zu beeindrucken. Das Gleiche gilt für den zweiten großen Raum, das Caldarium.

Caldarium
Versuch der Rekonstruktion des Caldariums

Das Becken, in dem man sich in warmem Wasser tummeln konnte, hat eine außergewöhnliche Größe. Das Besondere daran ist, dass es durch ein Hypokaustum beheizt war. Das heißt, unter dem Beckenboden gab es eine Fußbodenheizung. Der Saal hat eine enorme Höhe und soll wohl auch demonstrieren, dass sich der Hausherr nicht um Energiepreise kümmern musste. Wir sehen heute in den Ziegelwänden noch die Löcher für die Eisenanker, die die riesigen Marmorplatten hielten. Durch Reste fand man heraus, dass das Gewölbe, das den Saal in 14 Meter Höhe überspannte, wahrscheinlich ein buntes Mosaik hatte.

In den kleineren Räumen zwischen den großen Sälen befanden sich Becken mit lauwarmem Wasser und vielleicht ein Sudatorium, das in etwa einer Sauna entspricht. Es gab aber auch Zweckräume sowie natürlich eine Latrine, die mit fließendem Wasser gespült wurde.

Reste von Tubuli mit denen mittels erwärmter Luft Wände beheizt wurden.

Doch mitten in den Thermen hat man auch einen etwas bedrückenden Fund gemacht, die Reste eines Kalkofens, der im Mittelalter eingebaut wurde. Solche Kalköfen dienten dazu, den Marmor antiker Bauten zu Branntkalk zu verarbeiten, der anschließend als Baustoff wiederverwendet werden konnte. Auch Teile der reichen Marmorausstattung der Villa dürften auf diese Weise verschwunden sein.

Nymphäum

Gehen wir nun noch hinunter zum Nymphäum an der Via Appia Antica. Das war sozusagen die Visitenkarte der Villa, eine riesige Brunnenanlage, die vorbeiziehenden Reisenden beeindruckte und die Besucher der Villa empfing. Und hier wird auch der Unterschied im Lebensstandard zwischen Antike und Mittelalter deutlich. Als die Grafen von Tusculum, zu ihrer Zeit kein unwichtiges Adelsgeschlecht, die Villa erwarben, waren ihnen die Hauptgebäude (längst Ruinen) wohl zu groß und unübersichtlich. Sie bauten die Brunnenanlage zu ihrer Burg aus, von der aus sie die Via Appia kontrollierten. Oder anders ausgedrückt, ihnen reichte der Springbrunnen in der Auffahrt als Burg.

Nymphäum

Wir können noch heute die verschiedenen Baustufen gut auseinanderhalten. Die Exedra, also die halbrunde Ziegelmauer, gehörte noch zur Villa der Konsuln Quintili. Unter Kaiser Commodus wurde diese in ein überwältigendes Nymphäum verwandelt, eine Brunnenanlage, in der überall Wasser sprudelte. Die Cipollino-Säulen erinnern uns, dass alles mit vielfarbigem Marmor verkleidet war und in den Nischen Statuen standen. Auf die Reisenden, die auf der Via Appia vorbeikamen, muss das überwältigend gewirkt haben. Der Zugang war inszeniert. Erst wenn man durch die Bögen des Nymphäums hindurchtrat, sah man die eigentliche Villa auf dem Hügel. Die Grafen von Tusculum überbauten diese Inszenierung teilweise mit ihrer Burg, von der heute vor allem noch die Arkadenwand sichtbar ist. Ihnen war wichtig, dass sie den Verkehr auf der Via Appia kontrollieren konnten.

Ganz aus der Welt der Inszenierungen ist das Nymphäum übrigens bis heute nicht verschwunden. Zuletzt diente es als Drehort für die Netflix-Serie The Decameron.

Erreichbarkeit

Der Haupteingang der Villa an der Via Appia Nuova ist mit dem Bus 118 ab Piazza Venezia oder mit dem Bus 664 ab der Metrostation Colli Albani bis zur Haltestelle Appia / Squilace zu erreichen. Der Haupteingang liegt an der Via Appia Nuova 1092. Wenn Sie die Villa der Quintilier als Ziel einer Wanderung auf der Via Appia Antica einplanen, können Sie den Eingang am Casale Santa Maria Nuova, einem mittelalterlichen Landgut, benutzen, oder umgekehrt von dort auf die Via Appia Antica gehen. Dieser Eingang befindet sich 600 m südlich der Kreuzung mit der Via Ercole Attico.

Quellen:
Nationalgeographic, Luxus im Alten Rom: Hier sprudelte der Wein in Brunnen
Turismoroma
Parco Archeologico dell’Appia Antica

Caldarium, Außenansicht
Basis Villa am Beginn unseres Rundgangs
Nymphäum
Opus-Sectile-Boden über Kanal
Abfluss aus weißem Marmor

Hinterlasse einen Kommentar