
Der Decumanus, die Hauptstraße von Ostia Antica, teilt sich kurz hinter dem Forum. Nach links gelangt man zur Porta Marina, durch die man einst zum Meer hinaustrat. Die antike Küstenlinie lag in der Antike unmittelbar vor der Stadt. Heute befindet sich das Meer infolge der Verlandung mehrere Kilometer weiter westlich. Nach rechts kommen wir in die Via della Foce in Richtung Tibermündung und zu den dortigen Hafen- und Umschlagbereichen.
Hinter dem Kultkomplex mit dem Tempel des Herkules erreichen wir auf der rechten Seite die Gebäude rund um die Aula der Mensores. Der Name Mensores, die „Messer“ oder genauer Getreidemesser, bezieht sich auf das zentrale Mosaik in der Aula. Zu dem Komplex gehören neben der Aula, dem Versammlungsraum, ein Horreum, also ein Warenlager, und ein kleiner Tempel.
Handelsstadt Ostia
Rom war eine Millionenstadt und in außergewöhnlichem Maß von der regelmäßigen Versorgung mit Getreide abhängig. Ein erheblicher Teil dieses Getreides kam über das Mittelmeer nach Ostia und Portus in die zwei Hafenstädte von Rom. Der Hafen von Ostia war ein riesiger logistischer Apparat. Dort mussten die Schiffe entladen, Waren transportiert, gelagert, kontrolliert und verteilt werden. Beispielhaft für dieses Systems ist die Aula der Mensores, die Halle der Getreidemesser.
Hier begegnen wir nicht Kaisern und Senatoren, sondern Menschen bei der Arbeit. Ein Mosaik zeigt eine Gruppe von Männern beim Messen von Getreide. Einer trägt einen Sack, ein anderer bedient das Messgefäß, ein weiterer hält einen Zählapparat in der Hand. Über der Szene steht eine kurze lateinische Inschrift.
Das Bild wirkt beinahe wie eine Momentaufnahme aus dem Arbeitsleben des antiken Ostia. Doch was genau sehen wir hier? Wer waren diese Mensores? Und warum war das Messen von Getreide für die Versorgung Roms überhaupt so wichtig?

Die Mensores frumentarii
Die Aufgabe der Mensores frumentarii bestand darin, die Menge des Getreides festzustellen. Dabei arbeiteten sie mit standardisierten Maßeinheiten und speziellen Geräten. Das wichtigste Gefäß war der Modius, ein genormtes Getreidemaß. Zum Glätten der Oberfläche diente das Rutellum, mit dem das überschüssige Getreide abgestreift wurde.
Das war keine nebensächliche Tätigkeit. Eine falsche Messung konnte bei großen Getreidemengen erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen haben. Für Händler, Reeder, Lagerhalter und schließlich auch für die staatliche Getreideversorgung war deshalb eine zuverlässige Kontrolle unverzichtbar.
Das archäologische Material aus Ostia zeigt, wie eng die Tätigkeit der Mensores mit dem gesamten Getreideumschlag der Hafenstadt verbunden war. Die Mensores waren offenbar mehr als lediglich eine Gruppe von Arbeitern, die zufällig am selben Ort tätig waren. Die epigraphischen Zeugnisse sprechen für ein organisiertes Corpus, also eine Berufsvereinigung.
Der Komplex der Mensores
Die Aula der Mensores gehört zu einem größeren Gebäudekomplex in der Regio I, Insula XIX. (Rekonstruktion)
Das Ensemble bestand aus mehreren Teilen: der großen Aula, einem Tempel und einem ausgedehnten Horreum, also einem Speichergebäude. Die ältesten Bauteile werden in die trajanische Zeit, etwa um 112 n. Chr., datiert. Später wurde der Komplex mehrfach verändert und insbesondere im 3. Jhd. umgebaut.
Der Komplex lag in einem Bereich Ostias, der unmittelbar mit dem Warenumschlag verbunden war. Das Getreide konnte vom Fluss beziehungsweise den Hafenanlagen in die Speicher gelangen, dort kontrolliert und weiterverteilt werden. Das große Horreum besaß einen langgestreckten Grundriss mit einem zentralen Hof und zahlreichen Lagerräumen. Einige größere Räume könnten auch für die eigentliche Messung und Kontrolle des Getreides gedient haben.

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Der Tempel der Kornmesser
Zum Komplex gehörte außerdem ein kleiner Tempel. Er steht auf einem Podium und besaß eine gemauerte Cella. Die heutige Anlage gehört in die trajanische Bauphase. Ältere Elemente des Podiums könnten allerdings noch weiter zurückreichen.
Eine direkte erhaltene Weihinschrift mit dem Namen der Gottheit, der der Tempel geweiht war, fehlt. Es gibt jedoch einen wichtigen Hinweis. Eine Inschrift nennt Gnaeus Sentius Felix als patronus mensorum frumentariorum Cereris Augustae, also als Patron der Kornmesser der Ceres Augusta.
Ceres war die Göttin des Getreides und der Fruchtbarkeit. Für eine Vereinigung, deren wirtschaftliche Existenz unmittelbar mit der Messung von Getreide verbunden war, war sie eine geradezu ideale Schutzgöttin.
Das Mosaik
Und dann ist da das Mosaik in der Aula, dem Versammlungsraum der Mensores. Es gehört zu den berühmtesten Darstellungen des Arbeitslebens im antiken Ostia. Es handelt sich um eine schwarz-weiße Darstellung, in die einzelne Tesserae aus blauer Glaspaste eingefügt sind. Die figürliche Darstellung gehört in das 3. Jhd, und damit zu einer späteren Phase des Gebäudes. Schauen wir uns die Figuren genauer an.
Die Person ganz links ist durch die starke Beschädigung des Mosaiks nicht mehr sicher zu identifizieren.

Der Saccarius
Der zweite Mann von links trägt einen schweren Getreidesack auf der Schulter. Es handelt sich um einen Saccarius, einen Lastenträger. Diese Männer waren für den Warenumschlag unverzichtbar. Getreide wurde in Säcken transportiert, von denen jeder einzelne ein erhebliches Gewicht besitzen konnte. Die Saccarii übernahmen das Schleppen der Säcke zwischen Schiff, Kai, Speicher und Messstelle.
Die geheimnisvolle kleine Figur
Besonders interessant ist die kleine Figur links neben dem Saccarius. Sie hebt einen Finger der rechten Hand und zeigt damit die Zahl neun. In der linken Hand hält sie einen Gegenstand, der zunächst wie ein einfacher Stab aussehen könnte. Wahrscheinlich handelt es sich jedoch um einen Zählapparat. An einer Schnur befinden sich neun Zählelemente. Das stimmt mit der Handgeste überein. Möglicherweise wurde damit die Zahl der angelieferten beziehungsweise bereits erfassten Säcke festgehalten.
Auch im 17. Jhd. wurden Mengen noch mit gegenständlichen Rechenhilfen erfasst. (siehe unten)
Die Arbeitsorganisation der Kornmesser bestand offenbar nicht nur aus dem eigentlichen Messen. Auch die Zahl der angelieferten Säcke musste registriert werden. Der kleine Mann könnte somit eine Art Buchführung beziehungsweise Zählkontrolle darstellen.

Der Mensor
Dann folgt der wichtigste Mann, der Mensor. Er hält das Rutellum nach oben. Dieses Gerät diente dazu, das Getreide exakt zu nivellieren. Der Vorgang war entscheidend: Das Messgefäß, der Modius, musste bis zu seiner normierten Oberkante gefüllt werden. Was darüber hinausging, wurde abgestreift. Dieser Arbeitsschritt war für die gesamte Abrechnung der Getreidemenge entscheidend. Neben ihm steht offenbar ein weiterer Saccarius.
Der Aufseher
Die äußerste rechte Figur hält die rechte Hand in einer auffälligen Geste. Diese wird von der Forschung als Darstellung der Zahl 5.000 interpretiert. Sie dürfte damit die registrierte Getreidemenge anzeigen. Ob es sich tatsächlich um einen Aufseher, einen Buchhalter oder einen weiteren Angehörigen der Mensores handelt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.
Wichtig ist vielmehr die Verbindung zwischen Bild und Inschrift.

Die Inschrift
Am oberen Rand des Mosaiks sehen wir eine leider beschädigte Inschrift, die zudem zum größten Teil aus Abkürzungen besteht:
V … SEX H AGIHI …
Daher gibt es unterschiedliche Interpretationen ihrer Bedeutung. Giovanni Becatti ergänzt die Inschrift so:
v[ilici] sex h(orreorum) Agi(lianorum) hi[c]
Das würde heißen: „Hier sind sechs Verwalter aus den Horrea von Agiliana.“ Die Familie der Agilii ist zwar andernorts im Römischen Reich belegt, bislang jedoch nicht in Ostia.
Gérard Minaud schlägt stattdessen vor:
V [milia] sex(tariorum) h(odie) agi(tata) hi[c]
Dies bedeutet: „Hier wurden heute 5.000 Sextarii umgesetzt, bzw. abgefertigt.“ Das entspricht einem Volumen von rund 2.700 Litern Getreide. Die Zahl 5.000 würde bemerkenswert gut zu der Zahlengeste der rechten Figur passen. Wir hätten also einen antiken Arbeitsbericht
Dies alles macht das Mosaik in der Aula der Mensores so interessant. Wir sind hier nicht in der Welt von Göttern oder Kaisern, sondern bekommen einen Einblick in das alltägliche Arbeitsleben in der Handelsstadt Ostia. Wenn wir heute durch Ostia gehen, sehen wir vor allem die Ruinen einer antiken Stadt. Das Mosaik der Aula der Mensores zeigt uns dagegen etwas anderes: die Menschen hinter der Infrastruktur.
Quellen und Literatur
Ostia Antica Parco Archeologico
https://wwww.ostia-antica.org
G. Becatti, Mosaici e pavimenti marmorei, Scavi di Ostia IV, Rom 1961,
Gérard Minaud, Regard sur la comptabilité antique romaine. La mosaïque de l’aula des mensores à Ostie, des doigts et des comptes,



Diese Geldwechslerin aus dem Hamburg des 17. Jhd. hat einen Zählapparat, der dem des kleinen Zählers auf unserem Mosaik im Aussehen ähnelt, aber nach einem anderen Prinzip funktionierte. Beim „Rechnen auf Linien“ werden Rechenpfennige (hier ein weißer) auf oder zwischen Linien gelegt, um Zahlenwerte darzustellen.
Der Artikel wurde mit der Hilfe von KI erstellt.

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