Santa Marta al Collegio Romano

Maria lactans – Detail der Madonna mit Kind und der beiden Engel

Nur wenige Schritte vom Pantheon entfernt, an der Piazza del Collegio Romano, steht die kleine Kirche Santa Marta al Collegio Romano. Seit dem 19. Jahrhundert wird das Gebäude nicht mehr als Kirche genutzt. Ein Besuch lohnt sich jetzt aber trotzdem.

Nach einer wechselvollen Geschichte und jahrzehntelanger Vernachlässigung wurde es restauriert und schließlich zu einer Werkstatt für die Restaurierung von Kunstwerken umgestaltet. Im Oktober 2018 hatte ich Gelegenheit, die Restaurierungswerkstatt zu besuchen und konnte den Restauratoren bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. Besonders beeindruckend waren Tausende Fragmente antiker Wandmalereien, die auf ihre Wiederzusammensetzung warteten.

Renaissancezeichnung eines Fragments der antiken Forma Urbis Romae, das den Tempel der Minerva Chalcidica enthält (unten links)

Der Tempel der Minerva Chalcidica

An der Stelle der heutigen Kirche Santa Marta stand einst ein kleiner Rundtempel der Minerva Chalcidica. Minerva war die römische Göttin der Weisheit, der Künste und des Handwerks sowie der strategischen Kriegsführung. Sie wurde mit der griechischen Göttin Athene gleichgesetzt. Ein Minervatempel wurde um 60 v. Chr. von Pompejus errichtet. Vermutlich wurde er beim großen Brand des Marsfeldes im Jahr 80 n. Chr. zerstört und anschließend von Kaiser Domitian (81–96 n. Chr.), der Minerva besonders verehrte, wieder aufgebaut.

Die Fragmente der Forma Urbis über dem modernen Stadtplan von Rom

Der Tempel befand sich vor der monumentalen Porticus Divorum, einer großen Säulenanlage, die Domitian zu Ehren seines vergöttlichten Vaters Vespasian und seines Bruders Titus errichten ließ. Innerhalb dieser Anlage befanden sich zwei weitere Tempel. Die Bezeichnung Chalcidica (Chalcidicum bezeichnete in der römischen Architektur eine Vorhalle) wird mit der Lage des Minervatempels vor diesem monumentalen Baukomplex erklärt.

Der Rundtempel ist auf der Forma Urbis Romae verzeichnet, dem monumentalen Marmorplan Roms, der zu Beginn des 3. Jahrhunderts unter Kaiser Septimius Severus entstand. Das entsprechende Fragment ist zwar verschollen, seine Darstellung aber durch eine Renaissancezeichnung überliefert. Von den antiken Gebäuden sind heute keine sichtbaren Reste erhalten.

Santa Marta an der Piazza del Collegio Romano

Ein Zufluchtsort für Frauen

Die Geschichte von Santa Marta als christlicher Einrichtung beginnt in der Mitte des 16. Jahrhunderts. 1542 errichtete Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, in diesem Bereich ein Heim für Frauen, die als malmaritate, also schlecht verheiratete Frauen, bezeichnet wurden.

Gemeint waren Frauen, die sich aus schwierigen oder gesellschaftlich geächteten Lebensverhältnissen lösen wollten, ohne deshalb in ein Kloster einzutreten und Ordensgelübde abzulegen. Die Einrichtung bot ihnen Schutz und die Möglichkeit eines Neuanfangs. In gewisser Weise erinnert diese soziale Aufgabe an die Funktion eines heutigen Frauenhauses, auch wenn die religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen des 16. Jahrhunderts ganz andere waren.

Die Betreuung wurde zunächst vom angrenzenden Augustinerinnenkloster wahrgenommen. 1561 übernahmen die Augustinerinnen den gesamten Komplex. Die Einrichtung wurde allmählich in ein reguläres Frauenkloster umgewandelt. Um 1570 bestand bereits eine einfache Kirche, die der heiligen Martha von Bethanien geweiht war.

Der ehemalige Kirchenraum von Santa Marta mit seiner barocken Ausstattung

Die barocke Umgestaltung

Ihr heutiges Erscheinungsbild verdankt die Kirche im Wesentlichen einer umfassenden Umgestaltung zwischen 1671 und 1674. Die Arbeiten wurden zunächst von Antonio de Rossi und anschließend von Carlo Fontana geleitet, der einer bedeutenden Architektenfamilie aus dem Tessin entstammte. Die Initiative für den Umbau ging wesentlich von den Augustinerinnen aus, insbesondere von den Äbtissinnen Vittoria Scorci und Eleonora Boncompagni.

Fontana verwandelte den älteren Kirchenraum in einen reich gegliederten barocken Innenraum. Entlang des Kirchenschiffs entstanden auf beiden Seiten jeweils drei flache Kapellen. Pilaster, Halbsäulen und vergoldete korinthische Kapitelle gliedern die Wände. Darüber erhebt sich ein mächtiges Gebälk, das den Übergang zum Gewölbe bildet.

Die Piazza del Collegio Romano mit Santa Marta (ganz rechts). Kupferstich von Giovanni Battista Falda, 1665.

Die Architektur wird durch Stuckdekorationen und illusionistische Malereien ergänzt. Die Ausgestaltung der Seitenkapellen, die ornamentalen Wandflächen und die zahlreichen vergoldeten Details verleihen dem vergleichsweise kleinen Raum eine überraschende Monumentalität.

Der Gegensatz zwischen der zurückhaltenden Fassade und dem prächtigen Inneren gehört zu den besonderen Reizen von Santa Marta.

Giovanni Battista Gaulli, genannt Baciccio. Die Glorie der heiligen Marta und Marta mit dem Drachen

Die Deckenmalereien – Marta und der Drache

Zu den bedeutendsten Kunstwerken der Kirche gehören die Deckenmalereien mit Darstellungen der Titelheiligen Martha von Bethanien.

Im Oktober 1671 wurde mit Giovanni Battista Gaulli, genannt Il Baciccio, ein Vertrag über die Ausmalung des Gewölbes geschlossen. Der damals noch junge genuesische Maler verpflichtete sich, das zentrale Deckenbild eigenhändig auszuführen und die Entwürfe für die übrige Dekoration zu liefern.

Von Gaulli stammen die Glorie der heiligen Marta im zentralen Rundbild sowie die Darstellungen der Tugenden im mittleren Gewölbeabschnitt. Die beiden anderen Rundbilder, Die Predigt der heiligen Marta über dem Eingang und Die heilige Marta und der Drache über dem Altar, wurden von Girolamo Troppa ausgeführt. Die übrigen acht Tugenddarstellungen malte Paolo Albertoni.

Engel im ehemaligen Nonnenchor von Santa Marta

Der Erfolg dieser Arbeiten trug dazu bei, dass Gaulli wenig später mit der Ausmalung der Jesuitenkirche Il Gesù beauftragt wurde. Sein dortiges überbordendes Deckenfresko gehört heute zu den berühmtesten Werken des römischen Barocks.

Nach dem Neuen Testament war Martha die Schwester von Maria und Lazarus aus Bethanien. Sie gehörte zum engeren Kreis der Menschen, die Jesus nahestanden.

Eine spätere Legende erzählt, dass Martha nach dem Tod Jesu gemeinsam mit anderen Gefährten in einem steuerlosen Boot über das Mittelmeer getrieben wurde und schließlich die Küste Südfrankreichs erreichte. In der Gegend von Tarascon soll sie einen furchterregenden Drachen, die sogenannte Tarasque, gebändigt haben.

Deshalb wird Martha in der Kunst häufig mit einem Drachen dargestellt, den sie an einer Leine führt.

Historischer Stich mit Innenwandansicht und Grundriss der Kirche Santa Marta, vor 1830

Vom Kloster zum staatlichen Gebäude

Mit dem Ende des Kirchenstaates 1870 begann für Santa Marta eine schwierige Zeit.

1873 gingen Kirche und Kloster in staatlichen Besitz über. Der ehemalige Kirchenraum wurde als Militärmagazin genutzt. Später dienten Teile des Komplexes als Polizeistation.

Die neuen Nutzungen führten zu erheblichen Eingriffen in die historische Bausubstanz. Teile der Ausstattung gingen verloren, darunter die Altargemälde, die Ende des 19. Jahrhunderts verstreut wurden. Wandmalereien wurden beschädigt oder überdeckt.

Die Heimsuchung Mariens – Wandmalerei im ehemaligen Nonnenchor während der Restaurierung

Erst in den 1960er-Jahren setzte eine umfassendere Wiederentdeckung und Restaurierung der Kirche ein. Weitere konservatorische Arbeiten folgten in den 1980er- und 1990er-Jahren.

Die Restaurierungen ermöglichten es, große Teile der barocken Architektur und der erhaltenen Malereien wieder sichtbar zu machen.

Eine Restaurierungswerkstatt in der Kirche

2017 übernahm das Istituto Centrale per il Restauro die ehemalige Kirche und richtete hier das Projekt Restauro Aperto ein.

Die besondere Idee bestand darin, die Restaurierungsarbeiten nicht ausschließlich hinter verschlossenen Türen durchzuführen, sondern sie auch einem interessierten Publikum zugänglich zu machen.

Fragmente antiker Wandmalereien aus der Villa delle Terme während ihrer Restaurierung

Wandmalereien aus einer römischen Villa

Bei meinem Besuch im Oktober 2018 konnte ich drei ganz unterschiedliche Restaurierungsprojekte kennenlernen. Eines davon betraf die Wandmalereien einer römischen Villa aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.

Im ehemaligen Nonnenchor lagen mehr als 7.000 bemalte Putzfragmente ausgebreitet. Sie stammten aus einer antiken Villa am östlichen Stadtrand Roms, deren Räume teilweise als Thermenanlage genutzt worden waren. Sie wird daher Villa delle Terme genannt.

Zwei Jahre hatten die Restauratoren bereits damit verbracht, die Fragmente zu reinigen und zu stabilisieren. Nun begann die wesentlich schwierigere Aufgabe, aus den zahllosen Einzelstücken die ursprünglichen Wanddekorationen wieder zusammenzusetzen. Viele Bruchkanten waren im Laufe der Jahrhunderte so stark abgerieben worden, dass sich passende Stücke kaum noch unmittelbar aneinanderfügen ließen.

Dennoch zeichneten sich bereits Teile der ursprünglichen Dekoration ab. Vor allem kräftige Rot- und Blautöne bestimmten den Raumeindruck.

Auf einzelnen Fragmenten waren kleine Figuren und Amoretten zu erkennen, manchmal nur noch Teile ihrer Flügel. Schon diese wenigen Details ließen die hohe Qualität der antiken Malereien erahnen.

Ein Fresko von Domenichino

Ein weiteres Restaurierungsprojekt betraf ein Fresko von Domenichino, das ursprünglich aus dem Palazzo Farnese stammte.

Die Arbeit an einem abgenommenen Fresko stellte die Restauratoren vor andere Herausforderungen als die Rekonstruktion der antiken Wandmalereien. Hier ging es vor allem darum, die erhaltene Malerei zu sichern und beschädigte Bereiche behutsam zu behandeln.

Maria lactans – die stillende Madonna im ehemaligen Nonnenchor

Die Wandmalereien im ehemaligen Nonnenchor

An der Rückwand des ehemaligen Nonnenchors befinden sich drei Darstellungen aus dem Leben Marias.

Links ist die Verkündigung zu sehen, rechts die Heimsuchung. Die beiden Darstellungen gehören zu einer Ausstattungsphase, die wahrscheinlich nach der Übernahme des Klosters durch die Augustinerinnen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstand.

Das mittlere Bild ist jedoch wesentlich älter. Es zeigt eine Maria lactans, die Gottesmutter, die das Jesuskind stillt.

Die Malerei wird in das 14. Jahrhundert datiert und dürfte ursprünglich an einer anderen Stelle angebracht gewesen sein. Später wurde sie in die jüngere Wanddekoration einbezogen.

Das Motiv der stillenden Gottesmutter war im Mittelalter weit verbreitet. Die Muttermilch wurde dabei auch als Sinnbild göttlicher Gnade und geistlicher Nahrung verstanden.

Interessant ist die wesentlich ältere Bildtradition, die bis in die ägyptische Antike zurückreicht. Bereits die Göttin Isis wurde dargestellt, wie sie ihren Sohn Horus stillt.

Und tatsächlich befand sich nur wenige Schritte von Santa Marta entfernt in der Antike das große Heiligtum der Isis und des Serapis, das Iseum Campense. Eine bemerkenswerte räumliche Nähe zwischen der antiken und der christlichen Bildwelt.

Santa Marta (Nr. 859) auf dem Stadtplan von Giambattista Nolli, 1748, links der Kirche sieht man noch den Kreuzgang

Santa Marta im 21. Jahrhundert

Die ehemalige Kirche ist inzwischen nicht nur ein Zeugnis römischer Barockarchitektur, sondern auch ein Ort, an dem die Erhaltung historischer Kunstwerke unmittelbar erlebt werden kann.

Das Istituto Centrale per il Restauro nutzt den Kirchenraum und den ehemaligen Nonnenchor weiterhin für Restaurierungsarbeiten und wissenschaftliche Untersuchungen.

Bei öffentlichen Führungen werden sowohl die Geschichte des Gebäudes als auch die Arbeitsmethoden der Restauratoren erläutert.

Damit hat Santa Marta nach einer langen Phase der Vernachlässigung eine neue Aufgabe gefunden.

Wo einst ein antiker Tempel stand, später Frauen Schutz suchten und schließlich Augustinerinnen beteten, widmet man sich heute der Bewahrung des künstlerischen Erbes vergangener Jahrhunderte.

Literatur und Quellen

Literatur

  • Mariano Armellini, Le chiese di Roma dal secolo IV al XIX, Rom 1891.
  • Filippo Coarelli, Roma, Guide archeologiche Laterza, Bari/Rom 2008, Abschnitt zur Minerva Chalcidica.
  • Francesca De Caprariis, „Minerva Chalcidica, Templum“, in Eva Margareta Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae, Bd. III, Rom 1996, S. 255.
  • Stefano Petrocchi, Beitrag zu Santa Marta al Collegio Romano, in Roma Sacra, 2. Itinerario.

Internetquellen

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