Der Stein des Glabrio in Ostia

Der Stein des Glabrio an der Porta Romano in Ostia Antica

Vom Eingang der Ausgrabungen von Ostia Antica folgen wir dem antiken Decumanus. Diese Straße war einst die Hauptachse der römischen Kolonie und setzte die aus Rom kommende Via Ostiense fort. Dabei passieren wir die Nekropole mit ihren zahlreichen Grabmonumenten.

Wir erreichen die Porta Romana, das wichtigste Eingangstor nach Ostia. Wer aus Rom kam, betrat hier die älteste Kolonie der Hauptstadt.  Ostia war zwar eine selbst verwaltete Kommune, aber wirtschaftlich eng an Rom gekoppelt. Ein großer Teil der Güter aus dem gesamten Mittelmeerraum kam in Ostia an und wurde auf dem Landweg oder über den Tiber in die Hauptstadt gebracht.

Genau hier, rechts vor dem Stadttor wurde 1910 ein gut erhaltener Marmorsockel gefunden, der in zwei Teile zerbrochen war. Auf den ersten Blick unscheinbar wird er von den meisten Besucher kaum bemerken werden. Doch es lohnt sich die Inschrift genauer zu betrachten.

Inschrift

Die Inschrift lautet mit Übersetzung:
(in Klammern die wahrscheinlichen Ergänzungen)

SALUTI CAESARIS AUGUST(I)
GLABRIO PATRONUS COLONIAE D(ECRETO) D(ECORIONUM) F(ACIENDUM) C(URAVIT)

Für das Wohl (oder die Gesundheit) des Kaisers Augustus
hat Glabrio, der Schutzherr (Patron) der Kolonie, dies durch einen Beschluss des Stadtrats (der Dekurionen) ausführen lassen.

Aus diesen knappen Worten lässt sich erstaunlich viel herauslesen.

Salus hat im Lateinischen viele unterschiedliche Bedeutungen: Gesundheit, Wohlergehen, Sicherheit, Unversehrtheit oder Rettung. Im Kontext mit einem Kaiser könnte saluti Caesaris die Gesundheit und das Wohlergehen des Kaisers bezeichnen. Die Formel war weit verbreitet und diente vor allem dazu, Loyalität gegenüber dem Kaiserhaus zu zeigen.

Dabei ist mit Caesaris Augusti kein bestimmter Kaiser bezeichnet, das Kaiserhaus als Institution. Sie war aber nur in der frühen Kaiserzeit, also unter Augustus und seinen unmittelbaren Nachfolgern üblich.

In der zweiten Zeile begegnet uns ein Glabrio. Auch dieser ist nicht mit einer bestimmten Person identifizierbar. Dieser Glabrio gehörte jedoch sicher zur Familie der Acilii Glabriones. Einer über eine lange Zeit einflussreichen Adelsfamilie. Wir wissen nicht, ob sie Besitzungen in Ostia hatte. Es wurde jedoch eine Widmung in der Umgebung von Ostia gefunden, in der ein Thiasus, ein Sklave der Familie erwähnt wird.

Es gibt eine lange Liste von Mitgliedern der Familie der Acilii Glabriones vor allem mit dem Namen Manius Acilius Glabrio. Wenn man den Sockel tatsächlich auf die Zeit von Augustus datiert, kommt vor allem Senator Manius Acilius Glabrio, der Konsul des Jahres 33 v. Chr. in Frage. Dieser Glabrio war auch im Jahr 25 v. Chr. Prokonsul der Provinz Africa, die dem heutigen Tunesien entsprach.

Wer ist Glabrio

Auf dem Stein tritt Glabrio als Patron der Colonia auf. Die Aufgaben eines Patrons war die politische Vermittlung nach Rom, aber auch die Förderung von Bau- und Kultprojekten. Solche Patenschaften über wichtige Städte wie Ostia übernahmen häufig prominente Senatoren: Sie vertraten die Interessen der Gemeinde in Rom und sicherten sich zugleich lokalen Einfluss.

Glabrio stellt sich also als der Förderer Ostias dar. Doch er handelte nicht allein. Der Stadtrat von Ostia, der Ordo Decurionum beschloss die Errichtung des Sockels. Glabrio sorgte dafür, dass er ausgeführt wurde. Die Inschrift des Sockels war also das Dokument des Beziehungsgeflechts zwischen Kaiser und Kommune mit dem Patron als Vermittler dazwischen.

Natürlich stand ursprünglich auch eine Statue auf dem Sockel. Diese ist jedoch spurlos verschwunden. Wer oder was dargestellt war, ist spekulativ. Möglicherweise war es jedoch die Göttin Salus, die als Salus Augusta für das Wohlergehen des Kaisers zuständig war.

Ich finde es beeindruckend wieviel man aus einer knappen Inschrift herauslesen kann. Der Stein hat jedenfalls für Ostia und seine Beziehung zum Kaiserhaus eine weit größere Bedeutung, als man beim ersten Blick darauf vermutet.

Quellen:
Die Inschrift ist im Corpus Inscriptionum Latinarum unter CIL XIV 4324 erfasst.
Epigraphic Database Heidelberg
Lacus Curtius
Topographical dictionary

der Autor am Stein des Glabrio

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