
Santa Passera – die Heilige, die es nie gab
Ich hatte diese Tage das Glück eine kleine Kirche, außerhalb des Stadtzentrums von Rom, zu besichtigen, die sicher kein Tourist auf der Agenda hat. Einem kleinen, von außen unscheinbarem Kirchenbau, der sich neben heruntergekommenen Industriebauten, zwischen der stark befahrenen Via Magliana und dem rechten Tiberufer versteckt. Die Kirche hat eine frühmittelalterliche Krypta und im untersten Geschoss stößt man auf ein antikes Mausoleum.

Der Name
Ich muss zugeben, dass als erstes der Name von Santa Passera meine Aufmerksamkeit einfing. Denn wer die römische Umgangssprache kennt, weiß, dass mit „Passera“ nicht nur ein weiblicher Spatz, sondern auch das weibliche Geschlechtsteil bezeichnet wird. Das soll der offizielle Name einer Kirche der heiligen katholischen Kirche sein? Im Ernst? Es ist tatsächlich offiziell der Name dieser Kirche. Allerdings behauptet niemand, dass es jemals eine Heilige mit diesem anzüglichen Namen gegeben hat.

Die Suche nach der Herkunft der „Heiligen Passera“ führt uns nach Ägypten. Im Jahr 311 wurden dort die Christen Cyrius und Johannes als Märtyrer hingerichtet. Erst später entstand eine Legende um sie, die sie zu Ärzten machte. Ihr Begräbnisort, im Bereich eines ehemaligen Isistempels, entwickelte sich zu einem wichtigen Wallfahrtsort. Während der islamischen Expansion wurde Alexandria 642 von Arabern erobert. Mönche brachten die Überreste der Heiligen in Sicherheit. Ob sofort oder etwas später ist unklar. Spätestens im 10. Jahrhundert befanden sie sich in dem antiken Mausoleum am Tiberknie. In dieser Zeit war hier ein kleines Dorf mit Flüchtlingen aus Alexandria entstanden. Die Gebeine wurden nach einiger Zeit nach Rom überführt, da die Kirche am Tiber hochwassergefährdet war. Später wurden die Reliquien über ganz Europa verteilt. Knochen des Heiligen Cyrius sollen sich auch in der Michaelskirche in München befinden.
Das Kirchlein vor der Stadt nannte sich ursprünglich Sancti Abbacyri et Iohannis, wobei Abbas Cyrus Vater Cyrius bedeutet. Das vernuschelte der Römische Volksmund über die Jahrhunderte in Appaciro, Appacero, Pacera und schließlich Passera, der dann ein Santa vorangestellt wurde. Da der Name immer wieder mit der Santa Prassede, deren Kirche neben Santa Maria Maggiore steht, verwechselt wurde, ist der Gedenktag der nie existierenden Passera ebenfalls der 21. Juli.

Die heutige Kirche
Sie können die Kirche eine Stunde vor der Sonntagsmesse (10:30) besichtigen und treffen auf viel Geschichte auf engstem Raum.
Die heute benutzte Kirche stammt aus dem 14. Jahrhundert und besteht aus einem schlichten einschiffigen Raum. Die rechte Seitenwand ist modern, aber auf der linken Seite und vor allem in der Apsis befinden sich noch mittelalterliche Fresken.
Leider ist der obere Teil des Apsisfreskos nicht gut erhalten. Im unteren Teil sieht man in einer Abfolge die Madonna mit Kind auf einem Thron und Christus auf einem Thron. Jeweils eingerahmt von Heiligen und dazwischen links, die kleineren Stifter der Ausstattung. Die zwei Szenen werden von einem Erzengel getrennt. Die Heiligen, die Christus einrahmen sind wohl Cyrius (der ältere) und Johannes. Auf der linken Wand sieht man weitere Heilige. Auch hier vermutlich links die zwei Ägypter Johannes und Cyrius.

Die frühchristliche Kirche
Ein Stockwerk darunter kommen wir in das alte Kirchlein, dass ins 5. Jahrhundert zurückgeht. Leider ist von der Ausstattung nichts mehr erhalten. Lediglich eine Inschrift weist darauf hin, dass sie tatsächlich den zwei ägyptischen Heiligen geweiht war.
CORPORA SANCTI CYRI RENITENT HIC ATQVEE IOANNIS
QVOÆ QUONDAM ROMÆ DEDIT ALEXANDRIA MAGNA
Der Leichnam des Heiligen Cyrius liegt hier genauso wie der von Johannes, den das große Alexandria Rom schenkte.

Das antike Mausoleum
Über eine steile, moderne Treppe können wir nun noch in das antike Grabmal hinabsteigen. Es kann auf das späte 2. oder 3. Jahrhundert n.Chr. datiert werden. Hier wurden auch tatsächlich die Reliquien der Heiligen aufbewahrt. An den Wänden sieht man, oder besser ahnt man noch die Reste der antiken Dekoration. Einfache stilisierte Architekturelemente aus roter Farbe. Auf der Nordwand sieht das geübte Auge eine Darstellung der römischen Göttin Justitia. Zumindest die Waage kann man noch gut erkennen.

Wenn Sie die Gelegenheit haben, schauen Sie in die kleine Kirche mit römisch-ägyptischer Geschichte hinein. Die Kirche, die den etwas anzüglichen Namen einer Heiligen trägt, die es nie gab.
Quellen:
Homepage der Kirche, Ökumenisches Heiligenlexikon, Christian Hülsen: Le Chiese di Roma nel Medio Evo, Roma Sotterranea, L. De Santis, I segreti di Roma Sotterranea, Newton Compton Editori, 2008







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