
Der Nemisee ist seit der Antike verbunden mit der Göttin Diana und den riesigen Schiffen von Kaiser Caligula.
Nemi ist ein beliebter Ausflugsort der Römer, ein kleines Dorf, das malerisch an der Innenseite eines erloschenen Vulkankraters, 30 km südöstlich von Rom, klebt. Bekannt als Ort der Walderdbeeren.

Der Tempel der Diana und der König von Nemi
Dabei war Nemi immer ein Ort des Waldes, der hier, wo die Regenwolken vom Meer angezapft werden, besonders üppig wuchert. Selbst sein Name leitet sich von der lateinischen Bezeichnung für Wald = nemus her. Schon seit der Bronzezeit verehrten die Latiner im üppigen Wald des Vulkankraters eine Erdgöttin. Als die Römer Nemi ihrem noch kleinen Reich zuschlugen, wurde daraus ein monumentales Heiligtum für Diana, der Göttin des Mondes und der Fruchtbarkeit. Im Zentrum des Heiligtums stand eine heilige Eiche, die vom „Rex Nemorensis“, dem König von Nemi, Tag und Nacht bewacht wurde. Dieser Priesterkönig war in der Regel ein entlaufener Sklave, der das Amt erlangte, indem er seinen Vorgänger tötete und einen Zweig aus der Eiche brach. Er konnte nun in Ruhe und Sicherheit seinen Aufgaben als Wächter des Baums nachgehen. Seine einzige Befürchtung war, dass er von einem anderen Sklaven, der womöglich stärker war, zum Duell gefordert würde. Und er wusste, dass es irgendwann geschehen würde.
Zu einer Zeit, als die Amtsübergabe nur noch symbolisch und nicht mehr blutig verlief, konnte der exzentrische Kaiser Caligula nur mit Mühe davon abgehalten werden, das Amt selbst und eigenhändig wieder gemäß dem archaischen Brauch zu übernehmen. So brachte der Kaiser seine Verehrung für Diana anders zu Ausdruck.

Die Schiffe Caligulas
Caligula ließ zwei gigantische, prunkvolle Schiffe bauen. Das eine trug einen Marmortempel für Diana, das zweite einen prächtigen Palast, in dem selbst Thermen nicht fehlten. Die mehr als siebzig Meter langen Barken waren für den kleinen See total überproportioniert und so konstruiert, dass Bug und Heck identisch waren, so dass man, ohne zu wenden wieder zurückfahren konnte. Wir wissen nicht ob und wann Caligula Ausfahrten mit seinen Schiffen unternahm und ob er dort auch seine berüchtigten Orgien veranstaltete. Doch als er, gerade 29 Jahre alt, vom Senat ermordet wurde, war auch das Schicksal der Schiffe besiegelt. Sein Nachfolger Claudius setzte sich bewußt vom extravaganten Herrschaftsstil seines Neffen ab. Die riesigen Partyschiffe passten dazu nicht. Sie wurden kurzerhand im See versenkt.
Schnell gerieten die Schiffe in Vergessenheit, nur die Fischer vom Nemisee wunderten sich, dass sie hin und wieder ein Bronzestück statt eines dicken Fisches im Netz hatten. Erst 1446 versuchte der Architekt Leon Battista Alberti der Legende vom Schatz im See auf die Spur zu kommen. Von einem Floß aus hakelte er nach den Schiffen, konnte aber nur Teile einer Marmorstatue zu Tage führen. Doch auch alle folgenden Versuche, sei es von Booten aus oder mit einer der ersten Taucherglocken der Geschichte, scheiterten, Doch immerhin wusste man nun Bescheid, dass im Schlamm auf dem Seegrund zwei große Schiffswracks schlummerten.

Bergung der Schiffe
In den 1920er Jahren wurde die Bergung zur Chefsache, als Mussolini an die glorreiche Zeit der römischen Kaiser anknüpfen wollte. Die Schiffe waren als hölzerne Zeugen der Größe Roms gerade richtig. Den Archäologen standen nun alle Mittel zur Verfügung und man beschloß einfach den See abzulassen. Und auch hier hatten die Altvorderen Vorarbeit geleistet.
Als Rom noch eine Ansammlung von Hirtendörfern war, hatten die Bewohner des benachbarten Ariccia einen Tunnel durch den Rand des Nemikraters gegraben. Ein frühes technisches Meisterwerk von 1,6 km Länge. Gegraben hat man gleichzeitig von beiden Seiten. Man sieht das heute noch an einem Versprung, da man nicht exakt aufeinandertraf. Dabei hält sich die Ungenauigkeit in einem Rahmen, mit dem Tunnelbauer auch in den Zeiten von GPS leben müssen. Der Zweck des Tunnels war jedoch ganz prosaisch die Gewinnung von Ackerbau. Die Aricciaroli konnten ihr eigenes Tal, ebenfalls ein ehemaliger Vulkankrater, bewässern und gewannen durch die Absenkung des Nemisees zusätzliche Anbauflächen.
Mussolinis Archäologen legten also zuerst einmal den antiken Tunnel frei und pumpten durch ihn so viel Wasser aus dem See Richtung Meer, bis das erste Schiff an die Luft kam. Es übertraf alle Erwartungen. Nach einer heftigen Diskussion, ob man sich nicht zuerst mal mit diesem Fund zufriedengeben solle, setzten sich die Enthusiasten durch und man legte auch das 10 m tiefer gelegene, zweite Schiff bis zum Frühjahr 1930 frei. So brachte man die riesigen Barken in ein eigens erbautes Museum am Seeufer.

Zerstörung der Schiffe
Hätten sich doch die Skeptiker mehr Gehör verschafft, mag man heute sagen. Denn wenn die Schiffe nach ihrer Erbauung kaum vier Jahre über den See fuhren, so dauerte ihr zweites Leben zwei Jahrtausende später wenig länger. Was in dieser letzten Mainacht 1944 am Nemisee geschah, lässt sich kaum rekonstruieren.
Die amerikanische Armee war auf dem Vormarsch Richtung Rom und trieb eine große Zahl Flüchtlinge aus den umkämpften Städten Latiums und geschlagene deutsche Soldaten vor sich her. Hatte nun einer der Flüchtlinge, die im Museum untergekrochen waren, ein Feuer gemacht, um sich einen Kaffee zu kochen? Oder war es der Vandalismus von Wehrmachtsangehörigen, die ihrem Frust freien Lauf ließen? Oder haben GIs, ein Widerstandsnest vermutend, das Museum beschossen? Wen man verdächtigt, hängt mehr mit der aktuellen politischen Meinung, weniger mit historischen Tatsachen zusammen. Zurzeit steht auf der Homepage der Gemeinde Nemi, das Museum sei nach amerikanischem Beschuß auf mysteriöse Weise in Brand geraten. Das wäre dann wohl wenig mysteriös. Aber die Spekulation ist müßig. Der Verlust nach dem Brand des Museums ist mehr als schmerzhaft. Von den Schiffen blieben nur die wenigen Teile, die ins Museo di Roma ausgelagert waren.

Das Museum
Und doch ist auch heute ein Besuch des Museums beeindruckend. Auch wenn in den großen Hallen die neuen Schiffsmodelle im Maßstab 1:5 etwas verloren wirken. Die vielen Einzelteile, wie ein Anker mit beweglichen Armen, zeigen den hohen Stand der antiken Technik. Wasserhähne, Blechziegel, Kugellager könnten auch aus einem modernen Baumarkt stammen. Vieles was auf den Schiffen zum Einsatz kam, geriet mit dem Fall des Römischen Reichs wieder in Vergessenheit und wurde erst ab dem 19. Jahrhundert zum zweiten Mal erfunden. Dazu gehörte auch ein raffinierter Korrosionsschutz. Die Schiffsrümpfe hatten einen Anstrich aus Eisenmennige, auf dem eine dünne Schicht mit in Harz, Pech und Bitumen getränkter Wolle lag. Diese war mit millimeterdünnen Bleiplatten abgedeckt und schützte so die Holzplanken vor aggressiven Organismen und Muschelbefall. Der Haken an der Geschichte ist nur: Das ist ein Problem im Salzwasser, mit dem die internationale Schifffahrt bis ins 19. Jahrhundert zu kämpfen hatte. Auf dem kleinen Süßwassersee war das nicht zu erwarten.

Das legt die Vermutung nahe, dass die Schiffe auch Prototypen waren, um neue Techniken zu erproben. Caligula hat sich wahrscheinlich kaum für Ankertypen und hartnäckige Muscheln interessiert. Aber die Schiffbauingenieure nahmen die Gelegenheit beim Schopf, dass hier zwei Boote gebaut werden sollten, bei denen finanzielle Grenzen keine Rolle spielten, und statteten sie mit der modernsten Technik aus. Man beginnt im Museo delle Navi nachzudenken, wo wir heute stehen könnten, hätten nicht Barbaren und Christen die Wissenschaft am Ende des Römischen Reichs für über ein Jahrtausend ins Mittelalter gestoßen.
Wir laufen noch hinüber zum Heiligtum der Diana, das durch Gestrüpp und hohes Gras nur schwer zu erreichen ist. Leider ist außer einer Reihe gemauerter Nischen nur wenig zu sehen. Aber vielleicht hat man es hier richtig gemacht und die Mosaikböden in der sicheren Erde gelassen. Denn Ausgraben bedeutet auch immer Zerstören, wie wir eindrucksvoll gelernt haben.
Quellen: Das Museum, Museo delle Navi Romane, Archäologische Projekt der Uni München
Siehe auch Nemi in den Albaner Bergen





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