
Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß, dass es mir vor allem die kleinen Kirchen Roms angetan haben. Da darf eigentlich diese Kirche im malerischen Stadtteil Trastevere nicht fehlen. San Benedetto in Piscinula hat besonders viel Geschichte und Atmosphäre zu bieten.
Wer von der Tiberinsel über den Ponte Cestio nach Trastevere kommt, erreicht direkt hinter dem Lungotevere (der Uferstraße) die Piazza in Piscinula, die leider heute vor allem ein Autoparkplatz ist. Gegenüber sehen wir die schlichte klassizistische Fassade der Kirche. Von außen lässt sich kaum erahnen, was sich hinter ihr verbirgt.
Im Mittelalter gab es noch einen Säulenportikus. Bei den Umbauten von 1844 wurden im Eingangsbereich noch zwei Granitsäulen gefunden, die vermutlich zu diesem Portikus gehörten. Sie wurden anschließend leider entfernt.
Wir sehen den romanischen Glockenturm, der als der kleinste Roms gilt. Im Turm befindet sich eine Glocke, die traditionell auf das Jahr 1069 datiert wird und als älteste erhaltene Glocke Roms gilt. Ob sie schon von Anfang an hier läutete, ist nicht gesichert.
Doch bevor wir hineingehen, ein bisschen Geschichte.

Der heilige Benedikt und die Familie der Anicii
Der Überlieferung zufolge befindet sich die Kirche auf dem Gelände eines Hauses der mächtigen römischen Familie der Anicii. In diesem Haus soll sich der junge Benedikt von Nursia (heute Norcia in Umbrien) aufgehalten haben, als er gegen Ende des 5. Jahrhunderts zum Studium nach Rom kam.
Die Anicii gehörten in der Spätantike zu den angesehensten Familien des Römischen Reiches. Ihre Angehörigen bekleideten hohe Staatsämter und besaßen umfangreiche Güter. Auch im christlichen Rom spielten sie eine wichtige Rolle. Der Name der nahe gelegenen Via Anicia erinnert noch heute an die Familie.
Ob Benedikt selbst der Familie der Anicii angehörte, ist allerdings nicht sicher. Seine frühmittelalterliche Lebensbeschreibung, die Papst Gregor der Große, selbst ein Anicius, gegen Ende des 6. Jahrhunderts verfasste, berichtet zwar von seiner vornehmen Herkunft und seinem Aufenthalt in Rom, nennt aber weder die Anicii noch ein bestimmtes Haus in Trastevere.
Die Erzählung von Benedikts Aufenthalt in Piscinula gehört daher zur lokalen Tradition. Sie ist für die Geschichte und Bedeutung der Kirche wichtig, darf aber nicht mit einem archäologisch oder schriftlich gesicherten Ereignis verwechselt werden.
Auch die gelegentlich genannte Gründung der Kirche im Jahre 543 lässt sich nicht belegen.
Um die Jahrhundertwende, also ca. 500, soll Benedikt, von der Sittenlosigkeit der Großstadt abgestoßen, Rom verlassen haben, um sich schließlich als Einsiedler in einer Höhle in den Bergen bei Subiaco niederzulassen. Interessant ist, dass sich diese Höhle und das darüber gebaute Kloster heute tatsächlich in einem abgeschiedenen Tal befindet. Um 500 sah es dort jedoch ganz anders aus. Es gab noch mindestens einen Stausee, an dessen Ufern neben einer Villa Neros zahlreiche Sommerresidenzen reicher Römer standen. Möglicherweise lag die Einsiedelei Benedikts sogar in direkter Nähe zu einer Villa der Anicii.


Von der antiken Bebauung zur mittelalterlichen Kirche
Der Name Piscinula bedeutet so viel wie „kleines Badebecken“. Er erinnert an Badeanlagen, die sich in römischer Zeit in diesem Bereich von Trastevere befanden. Reste solcher Anlagen sollen noch im 18. Jahrhundert sichtbar gewesen sein. Ob diese zur Domus der Anicii gehörte, wissen wir nicht. Auch nicht ob die Badeanlage zur Zeit von Benedikt noch in Betrieb war. Die Wasserleitung Aqua Traiana versorgte jedenfalls noch Trastevere mit frischem Wasser. Sie wurde erst 537 durch die Goten beschädigt und unterbrochen.
Die heutige Kirche entstand im Wesentlichen im 11. Jahrhundert als kleine dreischiffige Basilika mit halbrunder Apsis. Dabei wurden offenbar ältere Baustrukturen einbezogen. Im 12. Jahrhundert folgten weitere Ergänzungen, darunter der romanische Campanile und die Sakristei. Auch der Cosmatenboden wird dieser Bauphase zugeordnet. Schriftlich ist San Benedetto in Piscinula spätestens gegen Ende des 12. Jahrhunderts nachweisbar.
Acht wiederverwendete Säulen gliedern den Innenraum. Ihre Schäfte und Kapitelle stammen aus unterschiedlichen Epochen der Antike und des Frühmittelalters. Einige Kapitelle lassen sich bis in die Spätantike datieren.

Der Cosmatenboden
Eine der größten Kostbarkeiten von San Benedetto in Piscinula liegt buchstäblich zu Füßen des Besuchers.
Der mittelalterliche Fußboden gehört zur Tradition der römischen Cosmatenkunst und wird überwiegend in das 12. Jahrhundert datiert. Charakteristisch sind die großen kreisförmigen Marmoreinlagen, die von konzentrischen Bändern aus weißem Marmor und kleinteiligen geometrischen Mustern umgeben werden. Verwendet wurden unter anderem dunkelgrüner Serpentin, roter Porphyr und heller Marmor.
Die Cosmaten waren römische Marmorarbeiterfamilien, die vom 12. bis zum 14. Jahrhundert zahlreiche Kirchen mit Fußböden, Ambonen, Altären und anderen Ausstattungsstücken schmückten. Dabei verwendeten sie häufig kostbare antike Marmore, die aus älteren Bauwerken stammten.



Die Cappella della Vergine
Werfen wir zuerst einen Blick in die kleine Marienkapelle, die Cappella della Vergine, die vom Eingangsbereich aus zugänglich ist. Der Zugang erfolgt durch ein mittelalterliches Portal mit Marmorsäulen aus Cipollino und Cosmatenverzierungen. Dahinter öffnet sich ein niedriger Raum.
Das Kreuzgewölbe ruht auf vier Säulen mit hohen Sockeln und frühmittelalterlichen Kapitellen, die gewöhnlich in das 8. Jahrhundert datiert werden. Die Baugeschichtstafel der Kirche ordnet die Cappella della Vergine dem 12. Jahrhundert zu. Einzelne Bauteile sind jedoch wesentlich älter und wurden möglicherweise aus einem Vorgängerbau übernommen. Die genaue Entstehungsgeschichte der Kapelle ist daher nicht abschließend geklärt. Auch hier haben sich Reste eines Cosmatenbodens erhalten.
Im Zentrum der Kapelle befindet sich ein verehrtes Marienbild, die Madonna della Misericordia. Es zeigt Maria mit dem Jesuskind und wird je nach Quelle in das 14. oder frühe 15. Jahrhundert datiert.

Die Cella di San Benedetto
Von der Cappella della Vergine schaut man in einen besonders schmalen Raum, die sogenannte Cella di San Benedetto. Nach der örtlichen Tradition soll Benedikt hier während seines Aufenthalts in Rom gewohnt, gebetet und Buße getan haben. Der Raum soll zu der antiken Badeanlage gehört haben. Allerdings dürfte nur die linke Wand tatsächlich antik sein. Der Raum selbst ist unscheinbar. Er verdankt seine Aura allein der Überlieferung um den heiligen Benedikt.


Die mittelalterlichen Fresken
In der Kirche haben sich mehrere mittelalterliche Fresken erhalten.
Im Eingangsbereich haben sich Reste einer Darstellung der thronenden Madonna mit dem Jesuskind zwischen den Aposteln Petrus und Paulus erhalten, die gewöhnlich um 1320 bis 1330 datiert wird.
Im rechten Seitenschiff befindet sich ein fragmentarisches Fresko des heiligen Benedikt. (Bild oben) Der Heilige erscheint hier jugendlich und bartlos. In der Hand hält er einen T-förmigen Stab. Die ungewöhnliche Form des Stabs könnte auf das orientalische Mönchstum verweisen.

Im linken Seitenschiff ist ein weiteres Fresko aus dem frühen 14. Jahrhundert erhalten. Es zeigt Johannes den Evangelisten und Johannes den Täufer, die auf das Lamm Gottes weisen.
Links der Apsis befindet sich eine stark beschädigte Darstellung der Heiligen Helena, der Mutter Kaiser Konstantins. Das Fresko wird um 1330 datiert. Die königliche Heilige ist an ihrer Krone und dem langen Gewand zu erkennen. (Bild unten)
Rechts der Apsis befindet sich ein weiteres mittelalterliches Fresko mit der heiligen Anna, Maria und dem Jesuskind. Diese sogenannte Sant’Anna metterza (Anna selbdritt) wird gewöhnlich in das frühe 15. Jahrhundert datiert. (Bild oben)
Die erhaltenen Fresken machen deutlich, dass die heute weitgehend unverputzten Mauern ursprünglich mit einer umfangreicheren malerischen Ausstattung versehen waren.


Die Apsis
Im oberen Bereich der Apsis befindet sich ein fragmentarisches Fresko der Madonna mit dem Jesuskind aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Es wurde von seinem ursprünglichen Untergrund abgenommen und ist heute als eigenständiges Bild über dem Altar angebracht.
Darunter hängt eine Tafel mit dem thronenden heiligen Benedikt, die um 1420 datiert wird.
Benedikt trägt das Gewand eines Abtes und hält einen Stab sowie ein geöffnetes Buch. Darin sind die Anfangsworte seiner Ordensregel zu lesen.
Absculta, o fili, praecepta magistri, et inclina aurem cordis tui.
„Höre, mein Sohn, auf die Weisungen des Meisters und neige das Ohr deines Herzens.“
Im Apsisgewölbe befindet sich ein Fresko mit der Krönung Mariens durch Gottvater und Christus, umgeben von musizierenden Engeln. Die Malerei wird in das 16. Jahrhundert datiert und einem unbekannten Maler aus dem römischen Umfeld zugeschrieben. Das Fresko wurde erst 2000 wiederentdeckt und ab 2002 freigelegt.


Die Ausstattung des 19. Jahrhunderts
Nicht alle Kunstwerke der Kirche stammen aus dem Mittelalter.
Im linken Seitenschiff sehen wir eine großformatige Darstellung des Anselm von Canterbury im Renaissancestil. Gemalt wurde es jedoch erst 1844 von Tertulliano Giangiacomo. Dieser ersetzte damit ein beschädigtes Bild aus dem 16. Jahrhundert. Ob es eine genaue Kopie ist oder nur von dem älteren Gemälde inspiriert wurde, wissen wir nicht. Anselm von Canterbury, gebürtig aus Aosta, trat in der normannischen Abtei Bec in den Benediktinerorden ein. Er wurde 1093 Erzbischof von Canterbury und gilt als Widersacher von König Wilhelm II., weswegen er zweimal ins Exil u.a. nach Rom musste.

Auch das Gemälde gegenüber entstand erst im 19. Jahrhundert. Leopoldo Ansiglioni malte die thronende Madonna mit dem Jesuskind zwischen dem heiligen Benedikt und dem heiligen Laurentius. Es zeigt den typischen pyramidenförmigen Aufbau von Gemälden des 16. Jahrhunderts. Das originale Renaissancegemälde war zwar noch gut erhalten. Es wurde dennoch ersetzt, um eine einheitliche Ausstattung der Seitenaltäre zu erreichen.

Restaurierungen
Eine bedeutende Veränderung erfuhr San Benedetto in Piscinula im frühen 18. Jahrhundert.
Der damalige Rektor Antonio Nunzio Piervenanzi ließ die Kirche auf eigene Kosten instand setzen und neu ausstatten. Er vergrößerte außerdem das Pfarrhaus und veranlasste eine feierliche Neuweihe.
An ihn erinnert ein Grab- und Erinnerungsdenkmal links der Apsis. Über einer lateinischen Inschrift befindet sich seine Marmorbüste in einer ovalen Nische. Außerdem dokumentiert eine große Marmortafel im Eingangsbereich diese Umgestaltung.

Im Jahre des Herrn 1728, am 11. November, weihte der hochberühmte und hochwürdigste Herr Giuseppe de Saporiti, Erzbischof von Anazarbos und Apostolischer Visitator, diese Kirche, die dem heiligen Abt Benedikt geweiht ist, zusammen mit den Altären des heiligen Benedikt, des heiligen Laurentius und des heiligen Anselm in feierlichem Ritus.
Sie berichtet, dass die Kirche am 11. November 1728 durch Giuseppe de Saporitis, Titularerzbischof von Anazarbos und Apostolischer Visitator, feierlich geweiht wurde. Die Weihe umfasste ausdrücklich die Altäre des heiligen Benedikt, des heiligen Laurentius und des heiligen Anselm. Zugleich wurde festgelegt, dass das jährliche Kirchweihfest künftig am vierten Sonntag im Oktober gefeiert werden sollte.
Im Laufe ihrer Geschichte wurde San Benedetto in Piscinula mehrfach verändert.
Papst Leo XII. hob 1824 die Pfarrei auf. Erst 1844 wurde die Kirche auf Veranlassung der Familie Massimo wiedereröffnet und umfassend restauriert. Dabei erhielt die Fassade ihr heutiges Erscheinungsbild. Auch Teile der Innenausstattung wurden erneuert.

Im 20. und frühen 21. Jahrhundert konzentrierten sich die Restaurierungsarbeiten zunehmend auf die Freilegung und Erhaltung der mittelalterlichen Substanz. Bis 2008 wurden zahlreiche spätere Verkleidungen entfernt, Mauerflächen freigelegt, Fresken gesichert und der Cosmatenboden wieder stärker zur Geltung gebracht.
Die Kirche wurde also im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut und restauriert. Dass heute so viel von ihrer mittelalterlichen Ausstattung zu sehen ist, verdanken wir nicht zuletzt den Restaurierungen der letzten Jahrzehnte.
San Benedetto in Piscinula zeigt, dass es sich in Rom lohnt, auch in die kleinen, unscheinbaren Kirchen hineinzuschauen, vor denen keine Touristenmassen Schlange stehen. Uns begegnen 1500 Jahre Kunstgeschichte, die Anfänge des Mönchsordens der Benediktiner und ein kleiner Exkurs in die englische Geschichte mit dem Erzbischof von Canterbury.
Quellen und Anmerkungen
- Homepage der Kirche
- Camillo Massimo, Memorie storiche della chiesa di S. Benedetto in Piscinula nel rione Trastevere, Rom 1864. Besonders wichtig für die Restaurierungen, die Altäre und die Ausstattung des 19. Jahrhunderts.
- Alessandra Guiglia, „Note su alcuni affreschi medioevali in S. Benedetto in Piscinula nel Trastevere“, Bollettino d’Arte, 1974, S. 160–164.
- Alessandra Guiglia und G. Bertelli, San Benedetto in Piscinula, Le chiese di Roma illustrate, Nr. 134, Rom 1979.
- Cathopedia – San Benedetto in Piscinula für die Zuordnung der Kunstwerke und ihre Datierung.


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